Auf dem Lande

Letzte Woche war ich im Alentejo. In diesem Landstrich nördlich der Algarve ist es warm, viel zu warm – besonders im trockenen Inland.

In der 20.000-Einwohner-Stadt Beja merke ich im Haus der Großmutter meines Begleiters, dass mein Portugiesisch doch noch schlechter ist, als ich dachte. Vegetarisches Essen wird im ländlichen Portugal zur Herausforderung. Aber es gibt viele Cafés, in denen wir halt machen um ein gekühltes Getränk einzunehmen. Die Altstadt ist schnell erkundet. Die Burg in Beja hat den höchsten „Castle-Tower“ von Portugal – nur leider ist dieser wegen Baufälligkeit gesperrt. Überall stehen weiße Häuschen mit blauen, gelben oder orangenen Rändern um die Fenster. So wie es in Reiseführern als typisch dargestellt wird. Die Häuschen wirken klein und scheinen nur selten Gärten zu haben.

Am nächsten Tag nehmen wir den Bus nach Mértola. Diese nochmal deutlich kleinere Stadt ist für ihr maurisches Erbe berühmt. Auch hier gibt es eine Burg, die von weitem zu sehen ist. Sie ziert den höchsten Punkt des Ortes. Im Tal schlängelt sich der Río Guadiana. Diesen laufen wir entlang, bis wir endlich einen Ort gefunden haben, der uns versteckt genug erscheint, um dort ein Zelt aufzustellen. Neben uns befinden sich die Ruinen eines alten Flussturmes. Am Abend gönnen wir uns eine kurze Ortsbesichtigung und eine Stärkung in einem Café. Kurz nachdem wir zum Zelt zurückkommen, hören wir Geräusche. Und während wir am Flussufer sitzen, kommt eine nachtwandernde Gruppe von etwa 40 Leuten vorbei. „Vorsicht, nicht auf das Zelt treten.“, sagt jemensch auf portugiesisch. Ein Mensch, der die Gruppe anzuführen scheint, wünscht uns einen guten Abend. Wir sind etwas nervös – so versteckt ist unser Platz wohl doch nicht. Aber schließlich schlafen wir doch.

Am nächsten Morgen bauen wir das Zelt ab, bevor wir Kaffee trinken gehen. Dann besorgen wir Lebensmittel für die Weiterfahrt und besuchen eine Erzeugergenossenschaft, die mein Begleiter flüchtig kennt. Wieder am Fluss schwimme ich eine Runde und wir zerren unser Gepäck aus dem Versteck. Kurz nach elf geht unser Bus. Wir sind rechtzeitig an der Haltestelle und bezahlen je zwei Euro für die zehnminütige Fahrt. Aldeia dos Fernandes ist klein. Zum Glück hat mein Begleiter auch hier Verwandte und seine Familie ein leeres Haus. Ein angenehmer Wind macht die Hitze erträglich. Ich staune wie sauber und aufgeräumt das Dorf wirkt. Die Häuser stahlen in extremen Weiß, gesäumt von blauen oder andersfarbigen Kanten. Der 200-Einwohner-Ort hat fünf Cafés, von denen eines sogar richtige Mahlzeiten serviert. Ein anderes beherbergt einen kleinen Tante-Emma-Laden, denn nur zweimal täglich geht ein Bus nach Mértola.

Wir laufen viel herum. Ich bekomme die Brunnen gezeigt, die inzwischen alle bis auf einen stillgelegt wurden. In den öffentlichen Sanitäranlagen hängt ein Zettel, dass die Duschen und die Damentoiletten geschlossen wurden, da die meisten Bewohner_innen des Dorfes mittlerweile eigene Badezimmer mit fließendem Wasser hätten und die Betriebskosten sehr hoch seien. Nur eine Herrentoilette würde offen gehalten für den letzten Bewohner, der kein eigenes Badezimmer hätte. Mein Begleiter war zuletzt vor 14 Jahren in Aldeia dos Fernandes. Er staunt über die asphaltierten Straßen. Früher wäre hier alles völlig uneben und voller Löcher gewesen. Auch um die Felder hätte es keine Zäune gegeben. Wenn er in den Ferien hier seine Großmutter besucht hätte, wären sie als Kinder immer querfeldein gerannt.

Am nächsten Tag machen wir einen Ausflug nach Minas de São Domingos. Da die ersten Busse dorthin kurz nach zwölf Uhr fahren und die letzen Busse zurück schon kurz nach 13 Uhr, beschließen wir früh aufzustehen und in der Kühle des Morgens dorthin zu wandern. Es sind etwa 11 Km, verrät uns eine ungefähre Karte. Um acht Uhr haben wir schon in einem der fünf Dorfcafés gefrühstückt und sind unterwegs. Wir sind mitten in einem großen Naturpark und soweit das Auge reicht gibt es nur trocken gelbe Landschaft, etwas Büsche und viele Zäune.  An machen ist ein rot-weißes Schild, das den Bereich als Jagdgebiet ausweist. Gegen halb Zehn kommen wir an einer sehr edlen Touristenunterkunft vorbei und dürfen dort die Toilette benutzen. Wir erfahren, dass wir etwa den halben Weg zurückgelegt haben. An einem Baum machen wir Rast und essen etwas. Dann geht es weiter. Da es wärmer wird, versuchen wir zu trampen. Wir werden einen Kilometer zum nächsten Dorf mitgenommen. Dann laufen wir wieder und trinken in einem Örtchen unterwegs noch einen Kaffee. Schließlich hält ein Auto neben uns. Es sind Cousinen meines Begleiters, die auch zum Baden nach Minas de São Domingos wollen. Denn in Minas gibt es einen künstlichen Sandstrand an einem aufgestauten See. Hier wurden früher Metalle abgebaut und mit dem Schiff abtransportiert. Nun ist der Bereich mit dem Wasser des Río Guadiana geflutet und überall stehen Strandschirme, die Schatten werfen. Es wird Eis und Pitza verkauft und außer am Strand zu liegen gibt es nicht viel zu tun. Der Schwimmbereich ist durch Bojen klar gekennzeichnet, aber wenigstens kann ich eine der kleinen Inseln im See erreichen.

Am Nachmittag nimmt uns eine der Cousinen wieder mit zurück ins Dorf. Der Abend ist gemütlich. Ich lerne Vokabeln und wir besuchen wieder ein Café. Am nächsten Morgen packen wir und räumen auf. Denn mittags fährt unser Bus nach Mértola. Der letzte der Woche, denn es ist Freitag.

In Mértola fragen wir in einem Café an der Bushaltestelle, ob wir dort unser Gepäck für einige Stunden unterstellen dürfen. Die Bedienung ist nett und sagt, das sei gar kein Problem. Unsere Sachen stehen sicher in einem abgeschlossenen Vorratsraum. Wir haben gute drei Stunden, bis der Bus nach Beja kommt. Bis dahin will ich möglichst viel sehen. Es gibt eine Kirche, die früher mal eine Moschee war [eher enttäuschend]. Eine Ausgrabungsstädte einer muslimischen Siedlung aus dem 13. Jahrhundert [sehr beeindruckend und fasizinierend]. Weitere Ausgrabungenen, die den Römern zugeordnet werden [interessant, aber keine Siedlung und deshalb nicht so voller spürbarem vergangenen Leben]. Die Burg [eine Burg eben] mit Turm [mein Begleiter ist nicht schwindelfrei, aber es gibt einen netten Blick auf Stadt, Friedhof und Landschaft] und Museem [kostet Eintritt und ist langweilig]. Einen Uhrenturm, der einfach an der Straße steht und eine zugängliche Treppe hat [hübsch]. Dann müssen wir uns auch schon wieder auf den Weg zur Haltestelle machen und sind ohnehin erschöpft.

Am frühen Abend kommen wir wieder in Beja an. Wir gehen italienisch Essen. Das Restaurant hat uns ein Passant auf der Straße empfohlen. Es ist so überfüllt, dass wir – so wie auch andere – eine halbe Stunde auf einen Tisch warten müssen. Aber es lohnt sich: die Pitza ist unglaublich gut, die Pasta eine Riesenportion, der Wein gut, und der Preis moderat.

Am nächsten Vormittag gehen wir das Museu Jorge Vieira. Es ist sehr klein, aber es wird auch kein Eintritt verlangt. Jorge Vieira war ein regimekritischer Künstler, der von 1922 bis 1998 lebte. Viele seiner Figuren haben etwas fantastisch-verspieltes an sich. Sie sind nackt und voller Ausdruck. Wir schlendern noch etwas durch die Stadt bevor wir uns in der Mittagshitze ausruhen. Am frühen Abend nehmen wir den Zug zurück nach Lissabon. In unglaublich kurzen zwei Stunden sind wir wieder im Trubel der Hauptstadt angekommen.

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