Korkeichen, Geier und Wassermangel im Grenzgebiet

Die letzten Wochen waren sehr intensiv: ich habe meine Computerprobleme einigermaßen in den Griff bekommen, wieder einem Bierherstellungsprozess beigewohnt, Treffen besucht, bin einige Male am Strand gewesen, und bin schließlich mit einem lieben Besucher und einer portugiesischen Freundin in zu einem Festival im Landesinneren gefahren.

Das Dörfchen Salvaterra do Extremo liegt im Parque Natural do Tejo Internacional. Wir starten am späten Donnerstagnachmittag und fahren im Auto eines Bekannten unserer Freundin mit. Das Dorf, in dem er aufgewachsen ist, liegt auf dem Weg. Deshalb unterbrechen wir die mehrstündige Fahrt für eine Rast. Unser Highlight ist eine Baum, der frische, süße Feigen trägt. In einem verfallenen Gebäude eines Nachbarns sehen wir die Überreste einer Ölpresse, die früher mal Oliven verarbeitete. Doch aufgrund von EU-Gesetzen musste die kleine Presse dichtgemacht werden. Das Abwasser war als bodenschädlich betrachtet worden. Doch unser neuer Bekannter erzählt, dass es kaum besonders schädlich gewesen sein könne, schließlich lief es durch seinen Gemüsegarten.

Im Dorf Salvaterra angekommen suchen wir den Zeltplatz. Es ist schon dunkel und der Vollmond steht am Himmel. Als das Zelt steht, laufen wir durch das Dorf und sehen von einem Aussichtspunkt aus die Landschaft. Jemensch zeigt auf zwei Sterne: das seien Venus und Jupiter, die stünden dieser Tage in einer ganz besonderen, einander angenäherten Konstellation.

Dann gehen wir wieder in das Dorf. Es ist viel los und so einige Menschen aus Lissabon sind hier. Wir hören Konzerte, doch ich bleibe nicht lange und gehe lieber früh schlafen.

Am nächsten Morgen ist wieder Ruhe ins Dorf eingekehrt. Ich suche nach einem Kaffee, frage in beiden Dorfgastronomien, und in einem Tante-Emma-Laden, von dem mir gesagt wird, dort gäbe es auch warmen Kaffee. Doch überall heißt es, es gäbe kein Wasser. Am Abend zuvor ist kurz nach unser Ankunft ein Rohr geplatzt, die Straße war überflutet. Und offenbar ist das Problem noch nicht behoben. Das Festival scheint die Infrastruktur des kleinen Örtchens zu überlasten. Doch schließlich werde ich an einem der kleinen Stände fündig, die auf der Hauptstraße vor der Kirche für die Festivalbesucher_innen aufgebaut wurden: ein Kaffeeautomat und ein Wasserkanister sorgen dafür, dass ich endlich meinen Café Duplo erwerben kann.

In der Nähe des Dorfes soll es einen Fluss geben. Gemeinsam mit unserem Freund, der zu Besuch ist, mache ich mich auf die Suche. Der Weg führt uns steil bergab in ein Tal. Vor uns taucht eine nicht mehr funktionstüchtige Mühle, die nun als Fledermaushöhle dient, auf. Von einem Fluss ist aber nichts zu sehen. Die Hitze hat nur einige flache, algige Wasserlöcher übrig gelassen. Es riecht stark nach Minze und gibt zumindest etwas Schatten. Die Hitze ist so stark, dass wir keine Lust haben, den Berg wieder hoch zu laufen, denn im Dorf wäre es wohl kaum kühler. Vor uns auf dem anderen Berg ist eine Burg zu sehen. Das ist schon Spanien. Wir sind im Grenzgebiet und der nicht vorhandene Fluss ist genau die Grenze.

Am Nachmittag machen wir uns doch wieder auf den Weg ins Dorf und treffen dort auf unsere ausgeschlafene Freundin. Es soll wohl auch einen „richtigen“ Fluss geben und mit einer kurzen Fragerei organisiert unsere Freundin eine Mitfahrgelegenheit dorthin. Tatsächlich ist es der selbe Fluss und ein kleiner Staudamm macht uns auch klar, warum er weiter hinten kein Wasser führt. Auch dieser aufgestaute Teil ist relativ flach, aber immerhin lässt sich hier schwimmen und untertauchen. Wir genießen die kühle Frische und sitzen unter kleinen Bäumchen, während auf dem spanischen Ufer etwas mehr los ist. Rund um den Fluss ist es relativ grün und am Ufer findet sich viel Schiefer-Gestein.

Am Abend sind wir hungrig, aber es ist garnicht so einfach auf dem Festival etwas zu Essen zu finden. Die lokale Gastronomie hat kein großes Angebot und auf dem Festival selbst ist vieles sehr teuer. Erst sehr spät am Abend kommen Freundinnen unserer Freundin an und wir ziehen in das Ferienhaus eines der Mädels um. Dieses „Ferienhaus“ liegt mitten im Ortskern und ist riesig. Viele Räume sind mit der Spielzeugsammlung ihres Vaters zugestellt – und trotzdem bleibt noch erstaunlich viel Platz. Wir alle haben nicht nur ein eigenes Bett, sondern sogar ein eigenes Zimmer.

Doch wir bleiben nicht lange im Haus. Schließlich sind wir zum Feiern hier. Aber mir wird es wieder schnell zu spät. Ich bin müde und schlafe in einem der wunderbar großen Betten.

Am nächsten Morgen schleiche ich mich leise aus dem Haus. Das Wasserproblem ist längst gelöst und so bekomme ich ohne Schwierigkeiten einen Kaffee. ich folge einer Straße, die aus dem Dorf führt. Der Weg ist von kleinen Steinmäuerchen gesäumt. Ich laufe eine Weile. Vor mir liegt ein offenes Tor zu einem kargen Gelände voller Bäume. Ich setze mich auf einen bequemen Felsen unter einer großen Korkeiche und lese. Ich bin vertieft in den Roman über eine kämpferische Frau in Bangladesh, als ich Gebimmel höre. Ich sehe auf. Vor mir läuft eine Ziegenherde auf das Grundstück. Ich versuche mich nicht zu bewegen, um die Herde nicht zu erschrecken – doch da ist die Leitziege schon stehengeblieben. Die Herde erscheint aufgeregt. Nach einer regungslosen Weile versuche ich in Zeitlupe aufzustehen und das Grundstück in einem großen Bogen um die Herde herum zu verlassen. Doch da setzt sich die Herde ebenfalls in Bewegung und hält erst vor dem Tor wieder an. Schnell flüchte ich davon. Ich mache mich wieder auf den Weg in Richtung Dorf, setze mich auf ein Mäucherchen um noch etwas Schatten zu genießen und ein bisschen weiterzulesen. Doch nach einigen Minuten kommt die Herde ebenfalls in meine Richtung. Die Glocken bimmeln und die Leitziege läuft selbstbewusst an mir vorbei, andere folgen. Nur die jüngsten sind zögerlicher. Zwei von ihnen rennen schließlich abrupt im Eiltempo an mir vorbei. Das letze bleibt aber stehen. Mir bleibt nur mich von Weg wegzubegeben, indem ich in das Grundstück hinter mir hineinlaufe. Endlich hat die kleine Ziege ihre Angst überwunden und ist der Gruppe gefolgt.

Als ich wieder am Haus ankomme, sind die anderen noch immer etwas schläfrig und auch ich lege mich nochmal einen Moment hin. Wir verbringen den Tag sehr faul. Im großen Hof hinter dem Haus werfen Weinreben und Zitronenbäume angenehme Schatten. Erst gegen Abend machen wir uns zum Fluss auf, bevor es wieder zu den Konzerten geht. Diesmal ist meine Strategie früh schlafen zu gehen etwas erfolglos, denn die Musik wird im Laufe der Nacht lauter und aggressiver statt ruhiger.  Und sie endet erst nach sechs Uhr morgens. Morgens döse ich im schattigen Hof weiter, wo es kühler ist als im Haus. Meine Freund_innen machen sich unterwegs auf um Geier zu suchen, die es hier in der Gegen geben soll.

Nach einem Nachmittag am Fluss gibt es eine Wanderung zum Thema Schmuggel. Die Wanderung beginnt um sechs Uhr abends und ich wundere mich warum wir nicht warten, bis es etwas kühler wird. Wir folgen den alten Wegen der Schmuggler_innen nach Spanien, laufen einmal in großem Bogen um die alte Burg und besichtigen schließlich deren Ruinen. Unterwegs erfahren wir, das Frauen anders schmuggelten als Männer. Neben Informationen zum Thema wird aber auch alles Mögliche über die Region erzählt. So sei Salvaterra früher die Hauptstadt der Region gewesen, erzählt einer der Führer. Ich staune, denn das Dörfchen hat vielleicht gerade mal hundert Häuser. Die Tour ist anstrengend und mitunter der Boden sehr rutschig. Ständig habe ich Durst. Als wir gegen halb zehn wieder in’s Dorf kommen, bin ich erschöpft, verstehe aber auch, warum wir um sechs starten mussten. Denn gerade wird es unglaublich schnell dunkel.

Wieder am Haus werden wir mit einem leckeren Abendessen empfangen. Es gibt eine spritzige Fruchtbowle, die hier „Sangria“ heißt. Heute bin ich auch in Partystimmung. Wir feiern lange. Ich tanze und vergesse alles um mich herum.

Nach einer sehr kurzen Nacht brechen wir am nächsten Morgen in die ebenfalls bergige, aber doch ganz andere Serra da Estrela auf. Wieder sind wir in einem kleinen Dorf und wieder schlafen wir im Haus eines der Mädels. Auch hier gibt es einen Fluss, der zum Baden aufgestaut ist. Aber statt Wildnis erwartet uns  eine Schwimmbad-Atmosphäre. Kinder kreischen, das Wasser ist klar und die Parkanlage ist gepflegt. Statt Schiefer gibt es hier Granit, der den Boden des Flusses bedeckt. Am nächsten Tag machen wir eine kleine Wanderung und gehen dann nochmal Baden. Am Abend ist dann leider schon Aufbruch und Abschied angesagt. Alles geht viel zu schnell und schon sind wir nur noch zu zweit und sitzen im Bus nach Lissabon.

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