Rainmaking und Strandpartys

Um Dança da Chuva. Nein, nicht dancing in the rain – dancing for the rain. Vor dem Portugiesischen Umweltministerim im Bairro Alto tanzen wir zu dem Klang Trommeln. Wir, das ist Climáx… ähhh ein ‚Stamm‘, den der Kameramann mitten in Lissabon gefunden hat. Er fragt, was wir denn da machen. Und eine Tänzerin erklärt ihm, dass das ein Regentanz sei, denn irgendetwas müssten wir ja gegen den Klimawandel unternehmen. Ob wir denn glauben würden, dass das helfe, fragt der Kameramann. Nein, sagt die Tänzerin. Warum wir denn tanzen würden? – Weil jede Maßnahme besser sei, als auf die Politik zu hoffen.

Eigentlich war ich am Samstag viel zu müde. Erst am Abend zuvor hatten wir als Climáximo ein Dinner veranstaltet. Der letzte IPPC-Report wurde präsentiert und die geplanten – und natürlich völlig unzureichenden – Maßnahmen des portugiesischen Umweltmisteriums im Bezug auf Klima. Dazu habe ich mit Hilfe von netten Menschen Sojaschnetzel, Hirse, Gemüse, Griesklöschensuppe, Salat und Apfelkompott gemacht. An den anderen Tagen der Woche war ich mit Freund_innen mehrmals in der RDA gewesen, hatte eher zufällig an einem ermüdenden Treffen für einen Protestmarsch gegen Montanto teilgenommen, habe erfolglos versucht mit Hilfe der Computergruppe eine Lösung für die Softwareprobleme meines Laptops zu finden, habe wie gewohnt am wöchentlichen Treffen von Climáximo teilgenommen und hatte natürlich auch den Unialltag.

Und genau da liegt auch eine Sorge. Denn eigentlich hatte ich vor mich seit mindestens Anfang des Monats voll und ganz auf das Studium zu konzentrieren. Bald steht die Prüfungsphase and und mit dieser eine menge Deadlines für schriftliche Arbeiten und ähnliches. Wenn nur nicht so viele wichtige Dinge wären…

Nun tanzen wir also und rufen nach Regen. Die meisten sind schick verkleidet, ich bin viel zu spät gekommen und finde meine Kleidung geht auch so als irgendwie ‚tribal‘ durch. Es ist warm, sonnig und hinterher schwitze ich. Aber das tanzen hat auch gut getan und ich glaube, das Video wird witzig. Danach sollte ich eigentlich anfangen meine Präsentation für Montag vorzubereiten. Da muss ich im Portugiesischkurs zehn Minuten frei zu einem Thema, das mit Portugal zu tun hat, reden. Ich habe will über die Zerstörung der Viertel in Amadora reden und habe das Thema als „Os Bairros da Amadora“ angekündigt.

Aber irgendwie komme ich mit der Vorbereitung nicht so recht voran. Eine Freundin hat versprochen, mir am Sonntag damit zu helfen. Deshalb will ich eigentlich schonmal am Samstag die Struktur überlegen und alles zusammensuchen, was ich alleine finden kann. Aber natürlich klappt das nicht. Und so mache ich mich am Sonntagmittag völlig unvorbereitet zu ihr auf den Weg. Ihre Eltern haben eine Sommerwohnung in Oreias, mehr oder weniger in Strandnähe. Dort wohnt sie, solange ihre Eltern noch nicht Sommersaison haben. Sie holt mich am Bahnhof ab und ist ganz entspannt. Die Sonne brennt vom Himmel, so dass sie das Auto irgendwo stehen lässt und wir zu Fuß gehen. Erstmal kaufen wir im Supermarkt eine Menge zu essen und kochen bei ihr zuhause. Ein Freund taucht auf und wir diskutieren Probleme. Die Eltern der Freundin schauen kurz vorbei und ich weiß nicht so genau, was für ein Verhalten von mir erwartet wird. Dann machen wir uns auf den Weg zum Strand, wo wir einen anderen Freund meiner Freundin treffen. Wir teilen uns eine Flasche Muskatel, während wir im Sand sitzen und reden. Ich bin die einzige, die kurz in’s Wasser springt. Dann ist es Abend geworden. Ich bin wieder mit meiner Freundin in ihrer Wohnung. Wir sollten endlich anfangen die Präsentation zu erarbeiten. Langsam werde ich nervös. Aber gleichzeitig genieße ich das Leben. Ich denke an Menschen, die ich mag und unterhalte mich noch immer mit der Freundin über dies und das. Aber immerhin habe ich in Open-Office das Präsentationsprogramm geöffnet und füge langsam Dinge ein. Immer mehr Dinge, die die Freundin mir heraussuchen könnte, fallen mir ein. Quellen für bestimmte Fakten, Statistiken, historische Informationen. Gibt es noch detailliertere Informationen zu Santa Filomena und Bairro 6 de Maio? Nachts nach zwei Uhr machen wir uns auf den Nachhauseweg. Die Präsentation ist noch nicht fertig, aber ich weiß, dass ich im Moment nicht mehr weiter arbeiten kann. Meine Freundin will auch nach Lissabon. Aber, shit, das Auto steht am Bahnhof. Das bedeutet einen ganzschönen Fußweg. Und offenbar sind da noch ganz viele Sachen zusammenzusuchen, bevor wir gehen können. Aber irgendwann bin ich doch in Lissabon und schlafe erstmal für zwei Stunden.

Gegen acht stehe ich wieder auf und arbeite weiter an der Präsentation. Ich habe mich bereits entschieden die ersten beiden Stunden Método Etnográfico ausfallen zu lassen und stattdessen erst um zwölf direkt zum Sprachkurs zu kommen, wo ich die Präsentation halten muss. Erst im Laufe des Morgens fällt mir ein, dass die Freundin, die mir geholfen hat, ja heute Geburtstag hat – und also schon in den Stunden nach Mitternacht Geburtstag hatte.

Im Kurs geht es gleich mit meiner Präsentation los. Ich stottere nervös herum und spreche kaum ein Wort richtig aus. Die Dozentin, die sonst nur Aussprachefehler und ähnliches korrigiert, unterbricht mich mitten im Vortrag und sagt, dass es doch ganz anders sei. Die Lebensbedingungen in den ‚Baracken‘ seinen unmöglich und die Umsiedlungspläne das einzig richtige. Dass es sich nicht um Baracken handelt, sondern um richtige kleine Hauser, da viele Menschen in diesen Vierteln im Baugewerbe arbeiten und sich dementsprechend auskennen, weiß sie wohl nicht. Mit dem „Recht auf Wohnen“ nach der Protugiesischen Verfassung hätte ich schon recht, sagt sie etwas später, aber hätten das nicht alle Portugies_innen, die ihre Miete schließlich auch bezahlen müssten. Überhaupt würde die Stadt Amadora viel zu viel für „diese Menschen“ tun. Nach der meiner Präsentation steigt sie tiefer in das Thema ein: die Leute in den Bairros würden nicht arbeiten wollen und wir würden ja auch sehen, dass ihr Googlerecherche gleich das Stichwort „Drogen“ brächte.

Die restliche Stunde bin ich wie im Delierium. Gramatikfragen rauschen mehr oder weniger an mir vorbei und jedes Mal, wenn ich dran bin, versuche ich irgendwas nicht ganz dummes zu raten. Danach mache ich mich auf den Heimweg, denn ich bin viel zu müde um jetzt noch zum Atelier de Jornalismo zu gehen.

Auf dem Heimweg hole ich mir eine Kleinigkeit in einem Nepalesischen Imbiss und währenddessen erreicht mich eine SMS, ob ich nicht zur Geburtstagsfeier am Strand kommen wolle. Nun, vielleicht kann ich auch dort schlafen. Ich besorge Portwein und Ginja; Oliven, Schokolade und einiges mehr. Dann zuhause schnell duschen, ein paar Sachen packen und auf das Auto warten, dass mich bald abholen soll. Aus vier wird zwanzig nach fünf. Immerhin habe ich noch Zeit für ein zwanzigminütiges Nickerchen. Dann sitze ich im vollen Auto und wir fahren über die Ponte 25 de Abril nach Süden und erreichen nach mehr als einer Stunde den abgelegeneren Südbereich der Costa da Caparica. Dort tummeln sich schon einige bekannte Gesichter. Wir werden nett begrüßt, packen unser Essen aus und genießen den Abend. Die Wellen sind unglaublich intensiv und mehr als ein Stück ins Meer hineinzulaufen erscheint mir zu gefährlich. Aber ich genieße das Wasser trotzdem und geselle mich erst, nachdem es langsam kühler wird, wieder zu den anderen.

Wir sitzen in kleiner werdender Runde zusammen. Der Abend macht Spaß und wir bleiben, bis wir nichts mehr sehen. Dann wird es Zeit wieder nach Hause zu fahren. Das Geburtstagskind ist ohnehin spät dran für ihr Abendessen mit ihren Eltern.

Und ich falle zuhause müde in’s Bett.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.