Prokrastination, Monsanto-Marsch und Glück

Ich habe viel zu viel zu tun und doch versuche ich das Leben so gut es geht zu genießen. Die letzten Tage waren voll. Ich versuchte Informationen für Artikel, die ich für das Atelier de Jornalismo verfassen muss, zu sammeln: ich interviewte einen Klimaaktivisten, über den ich ein Porträt verfassen will; mit einer Freundin war ich in Santa Filomena und befragte eine Bewohnerin, sowie die Freundin selbst, denn sie macht ein Praktikum bei einer Organisation, die für das Recht auf Wohnen streitet. Doch zum tatsächlichen Schreiben bin ich noch nicht gekommen. Ich bin zu chaotisch und nur langsam kam ich so einigermaßen in einen „Arbeitsmodus“.

Samstagnacht war die Deadline für eine Book Review angesetzt, die ich in dem Kurs Migrations and Globalization statt zweier eigentlich vorgesehener Präsentationen abgeben sollte. Ich hatte mir ein Buch über den Einfluss der Migration von anderen auf das Leben der zuhause gebliebenen Bewohner_innen eines Dorfe in Bangladesh ausgesucht. Es ist spanned geschrieben und ich wollte mehr über das Thema wissen. Doch obwohl ich mir das Buch bereits vor Monaten aus der Unibibliothek ausgeliehen und jede Woche neu verlängert hatte, kam ich erst jetzt dazu es wirklich zu lesen. Trotzdem war ich zuversichtlich, dass ich – wenn ich am Donnerstag und Freitag an der Buchzusammenfassung arbeiten würde – am Samstagnachmittag zum Protestmarsch gegen Monsanto gehen könnte. Menschen in meinem Freundeskreis hatten sich seit Wochen total auf dessen Vorbereitung konzentriert  und es war quasi zur Pflicht geworden hinzugehen.

Die etwa 200 Leute große Demo startete am Largo de Camões. Ich kam eine Stunde zu spät und half, bevor es los ging, noch einige Pappschilder zu bemalen. Die Organisation war überfordert gewesen und nun war alles etwas kleiner und einfacher als gedacht. Aber trotzdem mache sich ein schöner bunter Protestzug durch die Altstadt auf, der länger vor dem zuständigen Ministerium am Praça do Comércio trommelte und tanzte, und schließlich am Rossio endete.

Ich eilte nach Hause und hatte noch etwa sechs Stunden Zeit die Buchszusammenfassung zu schreiben. Meine Zuversicht schwand, als ich feststellte, dass meine Mitbewohnerin trotz ihres Versprechens, dass sie an diesem Abend keinen Besuch haben würde, eine Freundin über Nacht zu Gast hatte. Aber auch sonst hätte ich die Abgabe kaum pünktlich geschafft. Ziemlich genau 24 Stunden zu spät hatte ich die minimal geforderten 15 Textseiten verfasst und schickte sie dem Dozenten. In den dazwischenliegenden Stunden hatte ich einen Überblick über die Thematik bekommen und diesen gedanklich mit meinem Forschungsprojekt für Metódo Etnográfico verknüpft. Einige Verhaltensweisen und Aussagen „meiner“ Bangladeshis waren mir durch die Lektüre klarer geworden.

Eigentlich hatte ich für den Sonntag die schriftliche Ausarbeitung der Ethnografischen Übung geplant gehabt. Nun blieb mir dafür nur der Montagmorgen. Ich nutzte die Erkenntnisse der Book Review, mischte sie mit anderen Texten und meinen „Feldnotizen“. Und schaffe es tatsächlich innerhalb weniger Stunden die zehnseitige Übungszusammenfassung zu verfassen. Statt wie geplant um 16 Uhr brachte ich sie gegen 18:30 Uhr zur Uni. Die Dozentin war natürlich nicht mehr da. Also hinterlegte ich das Dokument unter ihrer Bürotür und schickte es ihr zusätzlich per eMail.

Dann eilte ich heim, duschte, überlegte was ich anziehen soll und fühlte mich nervöser als vorher. Ich hatte eine Verabredung zum Abendessen. Stunden später genossen wir den Blick über die nächtliche Stadt vom möglicherweise ruhigsten Miradouro der Stadt. Der Stress der letzten Tage, meine Müdigkeit und die morgen anstehende Portugiesischklausur waren vergessen.

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