Es kommt ein Vogel geflogen …

Heute Nacht war ein Vogel in meinem Zimmer. Er stützte irgendwann abends einfach durch das offene Fenster ab. Dabei flatterte er wild mit den Flügeln. Dann saß er auf dem Boden. Ich fragte mich, ob er mir wohl Glück brachte – zu welchem Zweck auch immer. Nach einer Weile versuchte ich nachzusehen, ob es ihm gut ging. Aber er flüchtete in eine Ecke – meine Versuche ihn mit einem Keks hervorzulocken waren erfolglos. Also schrieb ich weiter an meine Essay für den Soziologiekurs „Migrations and Globalization“. Ich hatte nur noch weninge Stunden bis zur Deadline und in den letzten Nächten ohnehin wenig Schlaf gehabt. Und irgendwie hatte ich mir, obwohl ich sehr frei wählen durfte, ein schwieriges Essay-Thema ausgesucht – ich wollte Foucault und Diskursanylysen und Macht und Normen und Identität mit Migration in Verbindung bringen. Und bis gestern abend hatte ich es gerade mal geschafft zwei Texte zu lesen, zusammenzufassen und die wichtigsten Zitate herauszuschreiben. Dabei war ich mir nicht sicher, ob ich Foucaults Theorien, bzw. die anderer über ihn überhaupt richtig verstand. Eigentlich hatte ich so viel mehr lesen gewollt und auch insbesondere Quellen zu Migration mit einbeziehen wollen. Doch jetzt war es zu spät und dann hatte ich auch noch ziemlich lange mit der Literaturverwaltungssoftware Citavi zu kämpfen. Mittlerweile machte ich mir auch Sorgen um den Vogel und versuchte ihn aus der Ecke hervorzuscheuchen, um ihn auf die Idee zu bringen, wieder aus dem Zimmer zu fliegen. Aber er flüchtete lediglich in eine andere Ecke. Ich wollte nicht nach ihm greifen, weil ich Sorge hatte, dass ihn dies verängstigen könnte, oder mein Geruch problematisch für ihn sein könnte. Da er aber nun schon seit einer Weile in dieser Ecke saß und ich ihn im Geiste schon in meinem Zimmer verhungern sah, ging ich das Risiko nun doch ein. Allerdings flatterte er, als ich ihn auch nur leicht berührte, wild mit den Flügeln – so dass ich die Idee, ihn auf die Fensterbank setzen zu wollen, wieder verwarf. Zwischenzeitlich schlich sich unsere Katze in mein Zimmer und versteckte sich lauernd unter einem Sessel. Energisch scheuchte ich sie aus dem Raum und schloss die Tür. Ich arbeitete weiter an meinem Essay. Der Vogel hatte sich mittlerweile hinter das Sofa geflüchtet und den Kopf in den Federn vergraben. Ich beschoss, ihn erst am nächsten Tag wieder zu stören.

Mitternacht verstrich und der Essay war kein Essay, sondern nichts anderes als eine unzusammenhängende Zusammenfassung zweier Texte. So musste ich das Risiko eingehen, den Essay zu spät zu senden. Ich versuchte einen logischen Argumentationsfaden aufzubauen, der allerdings platt wirkte und nichtmal mich selbst überzeugte. Gegen drei Uhr morgens ließ meine Konzentration so sehr nach, dass ich nicht nur wie gewohnt gedanklich abschweifte, sondern auch unfähig war meine eigenen Sätze zu verstehen. Da ich merkte, dass all meine Aktivität nun nur noch dazu führte, dass ich neue Fehler in den Essay hineinbastelte, definierte ich den Essay als fertig, schickte ihn ab und ging schlafen. Kurz nach neun wachte ich wieder auf, eine Weile später hörte ich den Flügelschlag des Vogels und beschloss aufzustehen. Er saß noch immer hinter dem Sofa, doch gelang es mir diesmal ihn hervorzuscheuchen. Dann ließ ich ihn wieder in Ruhe. Noch immer verängstigt, wirkte er auch irgendwie erstaunt, so mitten auf dem Boden vor dem Fenster. Dann flatterte er wieder mit den Flügeln, kam etwas holprig in die Luft und bewegte sich selbstsicherer in einem großen Bogen aus dem Fenster und schon war er aus meinem Blickfeld verschwunden.

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