Kultur im Alltag

Der Alltag rennt vor mir her, ich tauche ein, die Sachen für die Uni bleiben liegen. Denn ich spüre ich das volle Leben, aber manchmal ist es auch schon fast zu viel. Dann fehlt mir Schlaf und nehme manches auch nur halb mit, da ich die vorherigen Großartikeiten noch kaum verarbeitet habe. Die Balance des Erlebens zwischen Verpassen und erschöpften apathisch Teilnehmen ist schwer zu halten. Aber immer wieder gelingt es auch, und dann ist die Welt für einen Moment unglaublich wunderbar.

Am letzten Wochenende habe ich zwei Nachmittage lang an einem Theaterworkshop in MOB, einen kulturellen Verein in Anjos teilgenommen. Es war eine spannende Erfahrung einen solchen Workshop in einer anderen Sprache mitzumachen. Sicher hätte ich mehr davon gehabt, wenn ich alles verstanden hätte. Oft musste ich nachfragen, oder verstand Dinge einfach falsch. Andererseits war es trotzdem sehr intensiv und auch eine sehr offene Begegnung mit Menschen. Die Übungen schufen eine gewisse Offenheit und Nähe. Und die Gruppe war sehr geduldig mit meinen sehr begrenzten Sprachkenntnissen.

Am Dienstagabend ließ ich mir vom Computerkollektiv in der RDA zeigen, wie ich meinen Computer auseinandernehmen und reinigen kann. Die im Kollektiv aktiven Personen waren sehr geduldig mit mir und bis der Computer wieder zusammengebaut war, war es schon fast ein Uhr morgens.

Trotzdem machte ich mich im Anschluss noch zu einer sehr verrauchten Kneipe namens CRA auf. Eine Freundin hatte mir gesagt, dort fände eine Lyriksession statt. Eine solche war kürzlich schon einmal gewesen. Leute hatten sich in dieser Kneipe getroffen und je nach Belieben aus Büchern ihrer Wahl vorgelesen. Es gab keine Regeln oder Vorgaben. Mir hatte der Abend gefallen. Also schaute ich auch diesmal wieder vorbei. Und tatsächlich war in der Kneipe noch einiges los. Die Freundin saß mit einem Glas Wein an einem Tisch. Vorgelesen wurde nur noch sporadisch, aber die Atmosphäre war trotz des vielen Rauchs angenehm. Nach etwa einer Stunde machten wir uns auf den Heimweg.

Gestern hatte meine Mitbewohnerin Geburtstag. Zur Feier des Tages waren wir mit ihrem Freudeskreis in einem der berühmten „clandestinen Chinesen“. Diese Restaurants befinden sich in normalen Wohnungen und wer nicht weiß, wo zu klingeln ist, findet sie nicht. Sie sind in Alternativkreisen aber auch weit darüber hinaus bekannt und gelten unter Erasmusstudent_innen als Geheimtipp. Im Internet finden sich viele Berichte darüber:

http://www.richtraveler.com/illegal-chinese/
http://goern.blogspot.de/2006/11/der-illegale-chinese.html
http://seasonsintheair84.blogspot.pt/2013/05/restaurante-chines-mas-so-para-quem-o.html
http://miudezas.com/tag/rua-do-benformoso/

Ich habe mich schon gefragt, ob die Illegalität vielleicht nur eine Marketing-Masche ist und die Restaurants eigentlich registriert sind. Aber als ich neulich mit einer Freundin schonmal dort war, begegneten uns ängstliche Blicke, als wir fragten, ob dies ein Restaurant sei. Das Essen ist jedenfalls gut, wenn auch nicht ganz so preisgünstig, wie immer gesagt wird. Der vegetarische Teil der Karte reicht von Tofu- und Seitangerichten bis zu Gemüsevariationen. Als Nachtisch gibt es gebackene Äpfel, Bananen oder Süßkartoffeln – oder aber auch frittierte Eiscreme.

Meine Mitbewohnerin isst hier mehr oder weniger regelmäßig zu besonderen Anlässen mit Freund_innen. Nach dem Essen feierte meine Mitbewohnerin in der RDA weiter und schließlich ließen wir den Abend im CRA ausklingen. Mit dem Wermutstropfen, dass die Reifen meines Fahrrades zerstochen waren, nachdem wir wieder aus der Kneipe herauskamen.

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