Die Feste feiern, wie sie fallen!

Ich halte nichts von Geburtstagen und ähnlichem. Aber die Luft Lissabons läd zum Feiern ein. Also machen meine Mitbewohnerin und ich eine Sonntags-Gartenparty um unsere beiden Geburtstage zu feiern. Vom Nachmittag soll es bis in den späten Abend gehen.

Aber eigentlich ist das ganze Wochenende eine einzige Feier. Für Freitag habe ich mich für ein Jantar Sensório in GAIA angemeldet, ein Dinner für die Sinne. Canto do Curió versucht mit dieser Veranstaltung Geld für die Aktivitäten in Segundo Torrão zusammenzubekommen und gleichzeitig die spielerische Lust am schmecken zu fördern. Und dabei ist das ganze Essen ein Spiel: Nach dem Ertasten zweier Lebensmittel in dunklen Boxen gibt es Türmchen aus Karottensticks auf einem Kichererbsendip. Es wird immer zu zweit gespielt. Abwechselnd wird ein Stick aus dem Türmchen gezogen und obenaufgelegt. Bis das Türmchen in den Dip kippt. Dann darf gegessen werden. Anschließend wird eine rote Saftmischung in hohen Gefäßen mit sehr langen Trinkhalmen serviert. Doch die meisten Gesichter sind nach dem ersten Schluck nicht begeistert – es handelt sich um jede Menge „Bloody Mary“. Nach einer Pause gibt es das nächste Spiel: Dame. Auf Schachbrettern aus Papier und Algen kämpfen helle und dunkle Sesambällchen gegeneinander. Doch der Kampf ist zwecklos – am Ende werden alle gegessen. „Bloody Mary“ ist im Gegensatz immer noch übrig. Es gibt viel Zeit um einen weiteren Schluck zu versuchen oder sich doch lieber an Gesprächen zu beteiligen. Der letzte Gang wird im dunklen serviert. Diesmal füttern wir uns gegenseitig mit den Fingern. Der Reis ist schnell erkannt. Aber was ist da noch? Erst nach längerem erschmecken wir die Auberginenröllchen. Und ist da nicht noch was anderes? Als das Licht wieder an geht, ist alles weg. Aber halt, war das wirklich der letzte Gang? Da taucht ein Blech voller kleiner süßer Küchlein auf – und in jedem ein Wunsch versteckt, den irgendwer in dieser Runde für den Abend aufgeschrieben hatte. Danach brechen Freunde von mir noch in’s Chapitô auf, dort soll ein Konzert sein. Ich schließe mich an und wir laufen in netter Runde durch die Stadt. Eine Freundin trägt eine aufgeschnittene Plastikflasche mit ein bis zwei Litern „Bloody Mary“ mit sich herum. Das sieht schön aus und passt farblich zu ihrer Kleidung. Als wir ankommen, ist das Konzert schon vorbei. Aber wir lassen uns davon die Laune nicht verderben und genießen den Blick über die Stadt. Es ist schon früher morgen, ich verabschiede mich langsam und mache mich auf den Heimweg.

Dementsprechend fällt mir am Samstag das frühe Aufstehen schwer. Aber will schließlich schon mal Einkäufe für die Party am Sonntag erledigen. Außerdem bin ich mit einer Freundin verabredet um ein Transpi für die Demo gegen TTIP am Nachmittag zu machen. Die Einkäufe müssen also warten, denn das Transpi muss schließlich noch trocken werden. Wir treffen uns vor der RDA und mit Spraydosen geht alles ganz schnell. Jetzt haben wir ein Banner, auf dem steht: „Pessoas livres! Não mercado livre!“ („Freie Menschen! Nicht freier Markt!). Dann haste ich weiter zum Biosupermarkt und putze zuhause noch mal schnell das Bad. Natürlich komme ich zu spät zur Kundgebung gegen TTIP. Ich treffe während des vorletzten Redebeitrags ein. Aber das wichtigste ist schließlich überhaupt da zu sein! Anschließend gibt es noch ein offenes Mikrofon, das aber kurz gehalten wird, da an einem nahe gelegenen Gebäude bald Bauarbeiten beginnen sollen. Ich teile mir mit einer Freundin ein Essen, das an einem Stand einer lokalen Initiative verkauft wird, und helfe dann beim Abbauen. Dann läd mich eine Freundin ein mit zum Sangria-Trinken am Miradouro de Santa Catarina im Bairro Alto zu kommen.

Dannach eile ich wieder nach Hause, um weitere Einkäufe zu erledigen. Erst am späteren Abend mache ich mich auf den Weg in die RDA, wo ein Solidinner für eine Kampagne zu öffentlichem Nahverkehr statfindet. Die Debatte im Nebenraum ist längst am laufen und das Essen eigentlich beendet. Aber ich bekomme trotzdem noch etwas. Liebe Menschen haben es mir zurückgestellt. Statt mich der Debatte anzuschließen, setze ich mich zu Freund_innen, die mit Leuten von einem Netzwerk für Solidarische Ökonomie plaudern, deren Infoveranstaltung schon am Nachmittag stattfand. Es ist gemütlich und nett. Als die Diskussion im Nebenraum zu Ende ist, tauchen weitere nette Menschen auf. Ausgelassen werden alle möglichen Pläne geschmiedet. Doch schon ist nach Mitternacht. Ich bekomme viele Küsschen, ein Geburtstagsständchen – und immer wieder von irgendwem ein Glas mit Wein, Portwein oder anderem in die Hand gedrückt. Ich versuche möglichst viel davon immer wieder mit anderen zu teilen, um nicht zu sehr betrunken zu werden. Nach und nach verabschieden sich einige Freund_innen. Die RDA wird geschlossen und ich mache mich mit einer Freundin und anderen Menschen auf ins CRA, das in ein paar Tagen schließen soll. Dort schlägt uns mal wieder verrauchte Kneipenluft entgegen. Und wie häufig ist es so voll, dass wir uns kaum bewegen können. Aber am Tresen ist noch ein Eckchen Platz. Nach einer Weile komme ich ins Gespräch mit einem sehr sympatischen Bekannten. Er erzählt von den Ferien seiner Kindheit bei den Großeltern an der Algarve. Zwei oder drei Stunden später verabschiedet er sich und kurz darauf gehe ich auch. Zuhause schneide ich noch etwa 2,5 kg Erdbeeren für die Party-Bowle klein. Gegen fünf entscheide ich aber, dass ich schon längst hätte schlafen gehen sollen – und mache das dann auch.

Um neun wache ich wieder auf und kann nicht mehr einschlafen. Ich nehme ein Bad, versuche das Haus weiter aufzuräumen und fange an Essen vorzubereiten. Etwas später ist auch meine Mitbewohnerin wach. Wir stehen beide in der Küche, plaudern und werkeln vor uns hin. Eigentlich gemütlich, aber es müssen noch die Musikboxen und Gläser von einer befreundeten Initiative geholt werden. Eigentlich hatte meine Mitbewohnerin die Zusage einer Freundin, dass diese mit dem Auto käme und uns bei solchen Dingen helfen würde. Doch diese Freundin war gestern ebenfalls aus und hat einen Hangover. Sie will erstmal schlafen und dann gegen zwölft Uhr kommen. Das ist mir alles viel zu spät, aber es bleibt keine andere Alternative als zu warten. Kurz vor zwölf bitte ich meine Mitbewohnerin nochmal nachzufragen, ob das denn wirklich klappen wird. Ihre Freundin fühlt sich immer noch zu kaputt, um zu kommen. Also fahre ich mit dem Fahrrad los um die Sachen zu holen. Unterwegs erhalte ich eine Nachricht meiner Mitbewohnerin, dass ihre Freundin jetzt da sei und wir das mit dem Auto erledigen könnten. Aber ich bin schon fast am Zielort angekommen und will mich später nicht mehr um solche Sachen kümmern müssen. Als ich wieder zuhause ankomme, ist das Haus noch immer ein einziges Chaos. Die Freundin meiner Mitbewohnerin steht in der Küche, redet auf portugiesisch irgendwelches Zeug, hat Kopfweh und bringt meine Sachen durcheinander. Ich kann mich nicht mehr aufs Kochen konzentrieren. Als gegen drei Uhr die ersten Gäste kommen, bin ich immer noch am verwirrt herumwuseln. Aber wenigstens sind meine eigenen Freund_innen wirklich eine Unterstützung, so dass ich mich nicht selbst um das Schneiden der Zwiebeln für meine Quiche kümmern muss. Ich bin dankbar, so liebe Menschen zu kennen!

Nur langsam kann ich etwas entspannen. Im Laufe des späteren Nachmittags tauchen immer mehr von den Menschen auf, die mir wirklich am Herzen liegen. Wir sitzen auf Teppichen im Garten und ich habe eine Hängematte zwischen den Zitronenbäumen aufgespannt. Jemensch staunt, dass die Bäume gleichzeitig Blüten und Früchte tragen – mir ist das noch nie aufgefallen. Viele haben Essen und Getränke mitgebracht, so dass wir ein volles Buffet haben. Am meisten wird Erdbeerbowle getrunken. Als es dunkel wird sind die Freund_innen meiner Mitbewohnerin längst gegangen. Die Gläser wandern zwischen uns herum. Jetzt gibt es Muscatel und ein Freund hat einen Zimtlikör mitgebracht, der uns alle begeistert. Ich fühle mich wohl im Kreis dieser Menschen. Als es kalt wird, hole ich Decken und Pullover aus meinem Zimmer. Meine Mitwohnerin kommt nochmal mit einem Freund nach draußen, um uns eine Weile Gesellschaft zu leisten. Es sähe aus wie Camping, sagt ihr Freund. Die beiden beteiligen sich eine Weile an unseren Gesprächen, bevor sie sich wieder zurückziehen. Es ist ein glücklicher Abend geworden. Doch es war ein langes Wochenende und heute sind wir alle ein bisschen müde. Deshalb helfen mir irgendwann nach Mitternacht alle, bevor sie sich verabschieden, noch beim Aufräumen. Sie sind sich einig, dass ich mir nach diesem intensiven Feier-Wochenende wirklich einen freien Montag verdient habe.

Greek-dinner_-_Front-Page_-_smallerIch bin der selben Meinung. Deshalb schlafe ich am Montagmorgen einfach weiter, lasse Uni Uni sein, putze etwas und schlafe weiter. Und am Dienstag bin ich schon wieder den ganzen Tag auf den Beinen. Denn ich koche in GAIA mit einer Freundin ein griechisches Solidaritätsdinner für Vio.Me, eine selbstverwaltete Fabrik in Thessaloniki. Ich bin nicht ganz zufrieden mit unserem Essen, aber immerhin wird meine Blätterteigbaklava gelobt, und wir kündigen schonmal an, dass es im Mai ein italienisches Jantar Solidário geben wird.

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