Der Tag der Nelke

Gestern war der 41. Jahrestag der Nelkenrevolution. Des Tages an dem offiziell der Sturz des faschistischen Regimes des Estado Novo stattfand. Zum ersten Mal sehe ich hier in Portugal eine große Demonstration, aber das mag daran liegen, dass es eben keine Demonstration ist, sondern eher eine Feierlichkeit zum Anlass der Befreiung. Das Event ist aufgeladen mit sehr viel Nostalgie, die sehr berechtigt sein mag – aber etwas seltsam wirkt, wenn gleichzeitig Proteste zu aktuellen Themen kaum Beteiligung finden.

Eine Stunde vor Beginn des offiziellen Marsches ist der Treffpunkt einer anderen Demonstration in einem Park nahe der Metrostation Rato. Als ich ankomme ist die Sambaband schon am Spielen. Einige Leute basteln Schilder. Wir wollen die Situation in den Bairros thematisieren und die Forderung nach Wohnraum für alle stellen. Jemand hat Flyer gemacht und ich beteilige mich daran diese rund um den Park zu verteilen. Ein Polizist – scheinbar der einzige vor Ort – läuft mir hinterher und will wissen, wer verantwortlich für die Demonstration ist. Aber mein Portugiesisch ist zu schlecht, als das ich ihn verstehen könnte.

Irgendwann geht es dann los und wir laufen in einem langsamen Zug in Richtung Avenida da Liberdade, wo wir auf den großen Marsch treffen. Zuerst will uns die Polizei nicht auf die Avenida lassen, da wir bereits eine Demonstration seien und somit nicht dorthin könnten, wo die andere Versammlung sei. Mir erscheint die Situation total absurd und ich versuche mehrere Freund_innen davon zu überzeugen, einfach „unsere“ Demonstration über den Gehsteig zu verlassen und uns dann im großen Demonstrationszug wieder zu treffen. Gerade als ich das Gefühl habe, einige überzeugt zu haben, dürfen wir dann doch passieren und reihen uns als vergleichsweise chaotischer Block in den Marsch ein.

Ich hatte vorher Mini-Transpis gemacht, die ich zu Beginn unserer Demo verteilt habe. Eines zu „unserem“ Thema, mit der Aufschrift „Casas para todis!“, also „Häuser für alle!“. Die anderen beiden bezogen sich auf die dauerhafte Notwendigkeit zur Revolte. So trage ich selbst zusammen mit immer wieder wechselnden Personen das Banner „Não Nostalgia! Revolução sempre!“ („Keine Nostalgie! Revolution immer!“).

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Dieses Banner scheint recht viel beachtet zu werden. Auch von den Leuten, die den Straßenrand säumen um den Marsch anzusehen. Plötzlich taucht ein Presseteam auf und will wissen, was wir denn mit dem Banner sagen wollten. Ich blicke unsicher zu meinen Begleitpersonen, da ich mir nicht sicher bin, ob die Botschaft gut ankommt, wenn ich als Ortsfremde sie äußere. Eine Freundin neben mir sagt, sie möchte nicht in den Medien auftauchen. So bringe ich den Menschen, der mit mir das Banner trägt, in die Bredouille etwas dazu sagen zu müssen. Ich fühle mich etwas verlegen, da ich ihn kaum kenne und nicht weiß, ob er sich mit der Message wirklich wohl fühlt. Aber er sagt in die Kamera, dass wir damit ausdrücken wollen, dass die Menschen aktiver sein sollen. Den Rest verstehe ich nicht ganz, aber ich bin froh, dass er das übernommen hat.

Viele Menschen die ich kenne tauchen im Laufe des Marsches noch auf oder kommen kurz vorbei und verschwinden dann wieder woanders hin. Am Ende kommen wir am Rossio an, wo bereits unglaublich viele Menschen sind. In einer Ecke breiten wir unsere Banner sichtbar auf dem Boden aus, unterhalten uns und manche von uns packen etwas zu Essen aus. Es entsteht ein nettes Zusammensein. Eine Freundin sagt, dass sie gerne in 59 Jahren den hundertsten Revolutionstag erleben würde. Wir scherzen etwas herum und ich sage, dass ich dann auch versuchen würde zu kommen, ihr aber nicht versprechen könne, dass ich so alt würde. Sie sagt, sie würde dann das Banner mitbringen, dass ich ihr gegeben habe: „Revolução cada dia!“ („Revolution jeden Tag!“). Im Moment trägt sie es als eine Art Übergewand, das ihr gut steht. Sie möchte es in ihrem Haus aufhängen, im Kampf gegen den Hinauswurf einer alten Frau, die seit Jahrzehnten das Haus putzt. Wir überlegen, dass wir jetzt viele tolle Sachen machen sollten, über die wir dann am hundertsten Revolutionstag reden können. Allerdings stelle ich auch in Frage, wie gut unser Gedächtnis dann sein wird. Sie sagt, dann werden wir einfach über die Zukunft reden. Es ist schön plötzlich einen Grund zu haben, richtig alt zu werden.

Dann schließe ich mich ihr und zwei weiteren Leuten an, die zum Casa da Achada gehen wollen. Ich kenne den Ort nicht, bekomme aber gesagt, dort würde Revolution mit Gesang und einem „Picknick“ gefeiert. Unterwegs fängt es an zu regnen. Ich bin etwas erschöpft und müde, aber das passt ganz gut: wir setzen uns im Casa da Achada erstmal in einer Ecke auf den Boden und packen Brot und Käse aus, während die Leute hinter einer Trennwand gedrängt irgendwelchen Reden lauschen. Doch dann tut sich etwas. Ein Chor fängt an Revolutionslieder zu singen. Wir stehen auf um vielleicht etwas zu sehen, oder doch zumindest besser zu hören. Von der Fensterbank aus, kann ich dann tatsächlich einen Blick auf den Chor erhaschen.

Als die Lieder verklungen sind, kommt Bewegung in den Saal. Da ist plötzlich ein Tür zu einem Hinterhof. Und dort ist das „Picknick“, das eigentlich ein kleines Bankett ist. Es gibt einen Tische mit viel Essen und ich finde auch einige vegetarische Sachen. Daneben wird Bier und Wein verkauft. Es regnet in Strömen, doch glücklicherweise gibt es genug Regenschirme zum Unterstellen. Wir essen und trinken etwas, und kehren dann zurück in den nun ziemlich leeren Saal. An den Wänden hängen großen Fotografien in schwarz-weiß. Sie zeigen Szenen aus dem Portugal der 60er Jahre. Es sind sehr faszinierende Bilder. Viele der Häuser von damals, sind deutlich simpler gebaut als heute die Häuser in den clandestinen Bairros der Vororte Lissabons. Eine Freundin sagt, das sei nicht verwunderlich, denn in den Bairros leben viele Menschen, die im Baugewerbe arbeiten – die wüssten gut, wie sie Häuser bauen.

Als wir uns auf den Heimweg machen, regnet es immer noch stark. Meine Freund_innen bieten mir an, mich mit dem Auto zuhause abzusetzen. Allerdings ist der Weg zu ihrem Auto ähnlich weit, wie der zu meinem Haus. Es ginge nicht um Zweckmäßigkeit, bekomme ich zur Antwort. Also laufen wir zusammen zu dem Auto und genießen die gemeinsame Fahrt.

Zuhause sage ich meiner Mitbewohnerin, ich hätte schon von der Party gehört, die an diesem Abend anlässlich er Eröffnung einer neuen Bar stattfinden soll und ich würde vielleicht später nachkommen. Dann falle ich todmüde ins Bett. Als etwa um Mitternacht mein Wecker klingelt, bin ich mir nicht sicher, ob ich wirklich die Energie habe, noch auszugehen. Aber da die neue Bar nur drei Straßen weit entfernt ist und ich auch neugierig bin, ob mir der Ort gefällt, raffe ich mich doch auf. In Winterjacke und mit Regenschirm komme ich dort an. Ich sehe eine große Traube von Menschen unter den Markisen der angrenzenden Gebäude stehen. Ich laufe vorbei, denke erst danach, dass ich zu einigen hätte vielleicht Hallo sagen sollen. In der Kneipe selbst ist es unglaublich warm. Es gibt mehrere große Räume die so voller Menschen sind, dass ich mich kaum bewegen kann. Die Band spielt auf einer Bühne. Leute tanzen dichtgedrängt und während ich mich durch den schwülen Raum in eine Ecke bewege, um Jacke und Regenschirm abzulegen, begegne ich meinem halben Bekanntenkreis und tausche Wangenküsschen. Ich tanze. Der Abend hat eine besondere Intensität. Trotzdem weiß ich noch nicht, ob Damas meinen Lieblingsbar wird. Die Getränke sind sehr teuer und manches wirkt auch eine bisschen hipster-like. Im Moment lasse ich mich davon aber nicht stören und genieße es unter tollen Menschen zu sein.

Nach etwa zwei Stunden mache ich mich wieder auf den Heimweg und schlafe, denn heute will ich wieder zu den Kindern nach Segundo Torrão und am Abend ist noch ein Treffen der Selbstverteidigunsgruppe.

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