Não Demolições!

In den illegalisierten Wohnvierteln des Stadtbezirks Amadora werden weiterhin Häuser zerstört. Viele der Bewohner_innen wissen nicht wohin, denn nur wer bereits 1993 von der Zählung erfasst wurde, hat ein Anrecht auf eine andere Wohnung. Und selbst dieser Ersatz ist so überteuert, dass sich die Menschen in den Bairros diesen Wohnraum nicht leisten können. Akut von Abrissen bedroht sind momentan das Viertel Santa Filomena, das direkt in Amadora liegt, und das Bairro 6 de Maio in Damaia, was ebenfalls zum Stadtbezirk Amadora gehört. Schon im Dezember hat sich deshalb eine solidarische Initiative in Lissabon gebildet, die informiert, vor Ort unterstützt und bei drohendem Abriss mobilisiert.

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Für Santa Filomena hat die Stadt nun angekündigt in Kürze die ganze Siedlung abgerissen haben zu wollen. Die Fläche liegt in Bahnhofsnähe und ist vermutlich einiges wert. Anfang letzte Woche kam es täglich zu Abrissen. Aber erst am Donnerstagmorgen schaffte ich es vor Ort Solidarität zu zeigen. Da ich vormittags keine Uni hatte, bestand die einzige Hürde darin früh genug aufzustehen und morgens nicht zu lange herumzutrödeln. Unterwegs noch schnell einen Kaffee. Und dann in Amadora nach dem Weg fragen.

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In Santa Filomena angekommen stehen schon einige Menschen mit Transparenten in der Hand auf der Zufahrtsstraße. Dahinter ist etwas Gerümpel aufgeschichtet. Ich frage, ob es irgendetwas gibt, das ich tun kann. Ja, das Transparent festhalten und nicht weggehen, egal was passiert. Gut. Ich stehe mit anderen auf der Zufahrtsstraße und warte. Menschen fangen an Sprüche zu skandieren. Ich versuche die Parole zu verstehen und stimme dann ein. Irgendwann taucht ein Polizeiwagen auf. Die Polizisten steigen aus, beobachten uns und bauen sich mit drohender Körperhaltung vor uns auf. Wir bleiben stehen, konzentrieren uns auf die Sprüche. Die Polizisten stehen wie verunsichert vor ihrem Auto. Dann kippt die Situation plötzlich. Ein Bagger fährt auf einem kleinen Parallelweg, den der LKW nicht passieren kann, in die Siedlung. Einige Leute rennen dorthin, während wir stehen bleiben. Der Bagger schaufelt das Gerümpel hinter uns zur Seite. Dann fangen die Polizisten plötzlich an uns aus dem Weg zu schubsen. Sie gehen rabiat vor. Ich falle um und habe eine leichte Schürfwunde an der Hand. Andere Protestierende helfen mir auf und fragen, ob es mir gut geht.

Nach kurzer Zeit ist der Straße frei und der LKW passiert. Die Polizei hat drei Personen in Gewahrsam genommen. Wir stehen mit unseren Bannern am Straßenrand und hören die Abrissgeräusche. Ein Mensch liest aus dem portugiesischen Versammlungsgesetz vor, jeder Satz wird im Chor wiederholt. Wir stehen lange. Es ist windig. Und irgendwann auch sehr kalt. Als ein Teebecher herumgeht und habe ich das Gefühl, den besten Moment des Vormittags zu erleben. Aber irgendwann ist klar, dass alles vorbei ist und es keinen Sinn mehr hat, weiter zu frieren. Es ist gerade erst kurz nach zehn. Ich fahre nach Hause und lege mich nochmal eine Runde ins Bett, bevor ich nachmittags zur Uni muss.

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Keine Frage, dass ich am nächsten Tag wieder komme. Aber alles dauert länger als geplant. So sehr zu spät kann ich jedoch nicht sein: im Bahnhof in Lissabon treffe ich auf drei andere, die ebenfalls auf dem Weg nach Santa Filomena sind. Auf der Zugfahrt reden sie über eine Sitzung der Stadt zum Thema am Vortag. Ich verstehe nur geringe Bruchstücke. Ich frage auf englisch nach, was denn aus den drei in Gewahrsam genommenen Personen geworden ist und erfahre, dass diese schon zu Beginn des Nachmittags wieder frei waren. Diejenige, die mir antwortet, kennt die Personen nicht besonders gut, aber soweit sie weiß geht es ihnen gut.

Im Viertel ist noch niemand. Nur einige der Bewohner suchen Sachen aus den Überresten der abgerissenen Häuser heraus. Es gibt hier auch ein Cafe, aber dort gibt es garnichts mehr: „Não temos nada.“ Also gehe ich erstmal mit einem anderen Menschen ein paar Straßen weit, um Kaffee zu trinken. Als wir wieder kommen, sind immer noch nur sehr wenig Leute da. Jemand hat Küchlein mitgebracht. Baumaschinen oder Polizei sind nicht in Sicht.

Irgendwann kommt eine Freundin von mir. Jemand sagt ihr, eine Bewohnerin hätte Kaffee gemacht. Also machen wir uns auf den Weg zu deren Haus, denn meine Bekannte kennt diese Frau und hat bei ihr übernachtet, als sie in der Siedlung geschlafen hat. Zwei andere kommen auch noch mit. Als wir das Häuschen betreten, ist die Bewohnerin gerade im Badezimmer – sie ruft uns durch die Tür zu, wir sollen uns setzen, Kaffee stünde auf dem Tisch. Ich sitze dabei, während die anderen sich auf portugiesisch unterhalten. Ich bin verwirrt: dieses Häuschen soll abrissen werden? Es sieht so akut bewohnt aus. Es läuft ein Fernseher. An der Wand steht eine große Vitrine voller Gläser. An anderen Wänden hängen Bilder. Bislang scheint niemand irgendwelche Wertsachen weggeschafft zu haben. Ich frage die anderen, ob das Haus nicht z.B. nächste Woche abgerissen werden kann. Es könnte jeden Moment abgerissen werden, lautet die Antwort. Aber in einigen Fällen hätten die Bewohner manchmal noch kurz Zeit einige Dinge aus den Häusern zu holen. Als die Frau aus dem Badezimmer kommt, erzählt sie dieses und jenes – ich verstehe nichts. Dann helfen ihr die anderen mit einigen Papieren. Sie muss losgehen. Eine Aktivistin bindet ihr die Schuhe. Wir müssen hingegen noch da bleiben, da in der Küche etwas kocht, worauf wir aufpassen sollen. Zunächst bin ich sehr unruhig. Sind wir nicht hier, um dort unten an der Zufahrt zu sein? Aber dann verstehe ich, dass heute nichts mehr passieren wird. Es ist schon deutlich nach neun. Einer der Anwesenden sagt, dass die Maschinen eher kommen, wenn sie kommen.

IMG_19800408_092838Als wir gehen, kommen uns andere entgegen, die eine ‚Tour‘ durch das Viertel machen. Ich schließe mich ihnen an. Zwischen bewohnten Häusern sind lauter Lücken, wo schon Häuser abgerissen wurden. Teilweise sehen diese Abrissüberreste aus wie Müllhaufen, die die Stadt hinterlassen hat, an anderen Stellen haben die verbleibenden Bewohner_innen schon aufgeräumt. Immer wieder sind Menschen zu sehen, die Reste sortieren, suchen, Dinge herumtragen. An einer Stelle läuft kontinuierlich Wasser aus einer aufgerissenen Leitung. Die Siedlung ist um vieles größer als ich gedacht hatte und die Reihenfolge des Abrisses scheint extrem willkürlich. An manchen Stellen frage ich mich, wie die Maschinen die Häuser überhaupt erreichen konnten, da ich nur Zugänge über schmale Treppen sehe.

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Immer wieder sehe ich Gemüsegärten verschiedenster Größe. Das hätte ich hier so nahe am Stadtzentrum nicht vermutet. Plötzlich wird mir klar, dass es hier ja garnicht „nur“ um Wohnraum, Gentrifizierung, Rassismus und Kapitalinteressen geht, sonder auch mal wieder um Nahrungsmittelsouveränität. Ich vermute nicht, dass die Bewohner_innen von Santa Filomena wirklich subsistent leben, aber mit dem Abriss ihres Viertels werden sie auf viele Arten wirtschaftlich abhängiger.

Zurück an der Zufahrtsstraße sind meine Bekannten verschwunden. Ich bin ohnehin sehr müde. Also mache ich mich auf den Heimweg, um mich nochmal hinzulegen, bevor ich mich später mit einer Freundin treffe, die Bildbearbeitung mit GIMP lernen will.

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Am Samstagabend zieht es mich dann nicht nach Santa Filomena sondern in das Bairro 6 de Maio in Damaia. Dort ist eine Party, um gegen die Abrisse zu demonstrieren und Zusammenhalt mit der Nachbarschaft zu schaffen. Da ich bisher erst einmal dort war und damals mit meiner Mitbewohnerin in einem Auto fuhr, wird der Weg dorthin eine richtige Odysee. Unterwegs werde ich gewarnt, dort sei es gefährlich, ich solle nachts nicht in dieses Viertel gehen. Einige Leute sind aber auch sehr nett und helfen mir den Weg zu finden. Schließlich bin ich da. Die Party ist in einem Hinterhof zwischen den Häusern. Es ist schon dunkel, die Lichter scheinen. Auf einer Bühne spielt Livemusik. Getanzt wird aber nur wenig. Eine Freundin begrüßt mich und fragt, ob ich schon gegessen habe. Neben Fleisch und Fisch gibt es auch veganes Essen für 1,50 Euro pro Teller. Mhmm, das schmeckt! Dann geht ein kleiner Becher Schnaps herum. Meine Bekannte sagt: „You will love it!“ Und sie hat recht. Das Zeug wird offenbar im wesentlichen aus Zitrone, Zucker und Aguardente (einer Art „Feuerwasser“) hergestellt. Das Zeug heißt offenbar Ponche oder so ähnlich und wird im Kiosk, direkt hier im Hinterhof ausgeschenkt. Wie ich später sehe, kommt es aus einem großen, etwas schmuddelig wirkenden Plasikkanister. Und nochmal ein Becherchen für alle gemeinsam… Um uns herum rennen Kinder, die sich Tiere, Schwerter und Kronen aus Luftballons basteln lassen. Ein Mädchen teilt ihren glasierten Apfel großzügig mit uns allen. Ein Junge kommt, zählt unsere Runde und verteilt kurz drauf Luftbalonkronen an uns alle. Mit der Zeit fangen doch noch ein paar mehr Leute an, sich zur Musik zu bewegen. Irgendwann bin ich aber müde und ohnehin für den nächsten Morgen zum Frühstück verabredet. Ich solle aber nicht alleine zum Bahnhof gehen, warnt mich eine Freundin, die Polizei würde dort herumlungern. Also begleiten mich zwei Menschen zum Zug.

Ein Gedanke zu „Não Demolições!“

  1. Wie cool!
    Auf dem Hinweg zur Party: „Unterwegs werde ich gewarnt, dort sei es gefährlich, ich solle nachts nicht in dieses Viertel gehen. “
    Und auf dem Rückweg: „Ich solle aber nicht alleine zum Bahnhof gehen, warnt mich eine Freundin, die Polizei (!) würde dort herumlungern. “
    Schön! Oder, nein, nicht schön. Aber ich finde es toll, dass du sowas machst. Und spannend zu lesen. Werde bald wieder mal reinschauen.

    Liebe und solidarische Grüße!

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