Ilha de Tavira

Seit September hier, und noch nicht aus der Stadt rausgekommen … das geht irgendwie nicht. Gut, ich war in Sintra, Cascais, Almada, Amadora und an der Costa de Caparica – aber ist das nicht alles quasi noch Lissabon? Also raus aus der Stadt – und zwar sofort! Bevor mir die Decke hier auf den Kopf fällt, ich anfange meine Umgebung zu hassen und ich in dem Gefühl des Gefangenseins im Alltag meinen Aufenthalt hier garnicht genießen kann … So habe ich letzte Woche spontan entschieden.

Freitag ganz früh wollte ich starten, aber daraus wurde dann doch später Nachmittag. Allerdings war mir auch nicht klar, wie schnell die Südküste von Lissabon aus zu erreichen ist. Nachdem ich über BlaBla-Car keine Mitfahrgelegenheit gefunden habe, entschied ich mich in letzter Minute doch für den Fernbus, der immerhin innerhalb von 4-5 Stunden auch am Ziel war – und mit Studierendenausweis auch erschwinglich. Die freundliche Frau am Fahrkartenschalter war etwas überfordert, als ich sagte, ich wüsste nicht, in welche Stadt ich wolle, nur eben an die Algarve. Es wurde dann Tavira, weil es am Meer liegt und ich auch woanders schonmal gehört hatte, dass es recht schön sein soll.
Die Sitzplatznummern waren festgelegt und ich kam neben einem Nepalesen zu sitzen, der in Portugal Urlaub machte und sogleich erfolglos versuche mir Nepalesisch beizubringen. Nachdem dieser in Albufeira ausgestiegen war, unterhielt ich mich mit einer Portugiesin in einem Kauderwelsch aus Portugiesisch und Englisch. Sie zeigte mir bei der Fahrt durch das nächtliche Faro die wichtigsten Punkte, wie z.B. das Krankenhaus, das Gefängnis und den Hafen. Fast jede Woche pendelt sie von Lissabon aus nach Olhão, wo ihr Freund lebt. Die Suche nach einer Anstellung dort war bisher erfolglos. Eine Haltestelle nach Olhão bin ich schließlich in Tavira.

Ich habe mein Zelt im Rucksack dabei. Für Couchsurfing war der Ausflug zu spontan und mir war ohnehin nicht nach fremden Haushalten und sensiblem Anpassen an Gegebenheiten. Alle im Reiseführer aufgelisteten Unterkünfte lagen deutlich über meinem Budget und es war ohnehin warm genug zum draußen schlafen. Nur wo? Es war Nacht und ich befand mich an einem Busbahnhof, von dem ich nicht wusste, wie weit außerhalb er lag. Aber vielleicht umso besser nicht ganz im Zentrum zu sein. Irgendwo hier würde es doch bestimmt einen Platz für mein Zelt geben. Tatsächlich finde ich nach kurzem Laufen (dreimal ums Eck, über eine Brücke, einen Hügel hoch und um die Kurve) eine halbverwilderte, große Freifläche mit Baumbestand an deren Rande Kapuzinerkresse wächst. Ich schlage mein Zelt auf und entscheide mich dann herauszufinden, ob es in Laufnähe vielleicht irgendwo eine Pastelaria oder einen Imbiss gibt, der noch offen hat.

1-tavira

Tatsächlich bin ich mitten im Stadtzentrum gelandet. Ich sehe ein indisches Restaurant und fasziniert nehme ich dieses als Orientierungspunkt. Allerdings finde ich schon nach kürzester Zeit heraus, dass diese 12.000-Einwohner-Stadt mindestens fünf indische Restaurants hat. Vor einigen davon stehen Kellner die verzweifelt in der leeren nächtlichen Straße versuchen Kunden herbeizuwinken. Vor Pitzarien und weiteren Restaurants teilweise das selbe Bild. Ich entscheide mich für eine Portion Pommes in einem kleinen (indischen) Imbiss und staune über die doch recht leere Touristen-Stadt in Meernähe. Auch architektonisch scheint der Tourismus nicht zu dominieren: kleine Häuschen im Alenteijo-Stil, und nicht (wie in so vielen anderen Orten) reihenweise hingeklotzte Bettenburgen. Welch positive Überraschung!

Wieder im Zelt ist es kalt. Ich wache in der Nacht mehrfach auf und friere leicht, bis ich wieder einschlafe. Für meinen dünnen Sommerschlafsack ist das Wetter eben doch noch nicht geeignet. Am nächsten Morgen packe ich mein Zeug – entscheide mich dann aber, den Rucksack erstmal im Gebüsch zu verstecken und das Zelt in Ruhe trocknen zu lassen.
Frei und unbeschwert sehe ich mir die Stadt bei Tageslicht an. Die Stimmung ist noch morgendlich ruhig. Während ich nach nach einer Pastelaria suche, genieße ich die Schönheit der am Fluss gelegenen Häuser und klettere auf die Mauern einer verfallenen Burg. Im zugehörigen Garten kann ich den Frühling förmlich riechen.
Meinen „Fotoapparat“ [ein kaputtes Smartphone] habe ich leider vergessen. Im Stadtzentrum weckt ein kleiner Laden mit Büchern meine Aufmerksamkeit. Alles ist alt und staubig. Selbst die Verkäuferin, die unbeweglich hinter der Theke sitzt. In den kleinen Verkaufsraum befinden sich zwei Tische mit vergilbten portugiesischen Taschenbuchausgaben zu überhöhten Preisen. Dazwischen einige Schreibwaren, von denen einige aussehen, als hätten sie schon ein Jahrhundert hinter sich. Trotz meiner Begeisterung für Bücher entscheide ich mich für einen Bleistift und vier Buntstifte zum Preis von insgesamt 70 Cent. Ohne Kamera muss ich mir meine Fotos eben selbst malen…

Wieder am Zelt angekommen, ist die Unterseite des Zeltbodens noch immer voller Schnecken, die zart aus ihren kleinen Häusern luken. Trotz aller Vorsicht kommt eine von ihnen beim Zusammenpacken um.

Ich mache mich mit Rucksack und Zelt auf den wenige Kilometer langen Fußweg nach Quadro Águas, von wo aus ein Boot zur Ilha de Tavira abfahren soll, und leiste mir unterwegs noch einen frischgepressten Orangensaft. Es ist warm und sonnig. Mit dem großen Rucksack auf dem Rücken fast zu warm und sonnig. Am Stadtrand geht es weiter. Immer eine Landstraße entlang, rechts und links große Becken in denen Salz gewonnen wird. Dann bin ich plötzlich in Quadro Águas angekommen. In einem kleinen Bötchen warten schon Menschen, davor steht einer, der mir ein Ticket verkauft. Nach kurzer Fahrt bin ich auf der Insel.

Es ist windig und kühler als auf dem Festland. Nach rechts gibt es eine Art Wald aus Nadelbäumen. Vielleicht kann ich hier irgendwo mein Zelt aufbauen? Nachdem ich ein Stück gelaufen bin, stelle ich mein Gepäck an einem Baum ab und sehe mich weiter um. Doch schnell muss ich feststellen, dass der Wald doch sehr klein ist und schon bald in Gestrüpp übergeht, das zunehmend an Höhe verliert. Am Ufer sehe ich unglaublich viele Muschelschalen. Sofort fange ich an welche einzusammeln, doch trotz kritischer Auswahl habe ich in kürzester Zeit beide Hände voll. Badestelle gibt es in der Nähe aber keine, nur den Ausblick auf’s Festland. Also wechsle ich die Richtung und folge dem Pfad, den den meisten anderen Passagiere, an einigen wenigen kleinen Häuschen vorbei, eingeschlagen haben. Ich sehe einige geschlossene Imbissbuden und dann auch den Strand. Davor zeigen mehrere Schilder an, dass Wildcampen ist offenbar verboten ist, da Naturschutzgebiet. Da ich schon die vorhergehende Nacht kostenfrei organisieren konnte, erkundige ich mich nun nach dem Parque de Campismo, obwohl mich die im Reiseführer angegebenen Preise doch etwas abschrecken. Ein alter Mann, der erzählt er sei der einzige offizielle Bewohner der Insel, erklärt mir, der Campingplatz sei zu dieser Jahreszeit noch geschlossen. Ein jüngerer Mensch, der auf einer Decke sitzt und Schmuck verkauft, ergänzt: „But you can just stay somewhere – obviously.“

Karte der Insel: www.openstreetmap.org

Nun also doch wildcampen. Nachdem ich dreimal über den menschenleeren Strand und die Umgebung gestapft bin, bin ich immer noch nicht sicher, wo ich mein Zelt aufbauen kann. Viel blickgeschützten Raum gibt es hier nicht. Also stelle ich erstmal meinen Rucksack ab, um Badesachen herauszuholen. Da steht plötzlich ein Mensch vor mir. Auf der Schulter balanciert er eine Stange, an der zwei Eimer befestigt sind. Ob ich hier übernachten und ein Zelt aufschlagen wolle, fragt er. Ich zögere. Was ist, wenn er mir dann sagt, dass ich hier nicht bleiben darf? „Talvez“, sage ich – „Vielleicht“. „Ah, talvez.“ Er spricht davon, dass der Strand kein guter Platz sei, wegen Kälte und Wind. Und wegen der Polizei. Ich solle mitkommen, er würde mir einen besseren Platz zeigen. Ich komme dem flinken Menschen kaum hinterher, als ich versuche ihm barfuß mit Gepäck durch die stachelige Landschaft zu folgen.

Wir erreichen eine Baumgruppe. Darunter – von außen nicht erkennbar – befindet sich ein ganzer Wohnbereich. Hier wohnt der fröhliche Mensch schon seit vier Jahren in einem Zelt. Daneben das Zelt eines Mitbewohners. Außerdem eine Küche im Freien und ein gemütlich dekoriertes Sitzeck. Darüber hängen Korallen und Mobiles aus Muscheln. Ich könne gerne alles benutzen oder mir einfach irgendwo in der Nähe einen Platz für mein Zelt suchen. Später erfahre ich, dass mein Gastgeber davon lebt mit einer sehr simplen Methode Mariscos (also Meeresfrüchte) zu fangen und diese in der nächsten Stadt zu verkaufen. Er erzählt, dass oft Leute bei ihm in der Nähe zelten. Manchmal auch für längerer Zeit. Ich verstünde ja wenigstens noch einiges, andere kämen und verstünden gar kein Portugiesisch. In jeden zweiten Satz fließt das Wort „Sabes.“ – „Weißt du.“ ein. Leute, die die Natur nicht respektieren, mag er nicht. Ich bekomme Wasser und Joghurt angeboten und später sogar gezeigt, wo ich mein Handy auflanden könne.

Unterdessen habe ich mein Zelt unter einer anderen Baumgruppe in der Nähe aufgebaut. Die folgenden 1,5 Tage bis Sonntagnachmittag wandere ich über die Insel, lerne am Strand Vokabeln, springe für wenige Augenblicke ins noch kühle Meer (trotz der Schilder, die warnen, dass der Strand unbeobachtet sei), räume etwas umherliegenden Müll beiseite und genieße die Ruhe.

Mit einer der letzten Busverbindungen fahre ich am Sonntagabend zurück. Die Nacht ist kurz, aber es hat gut getan mal „herauszukommen“.

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