„Hast du einen Stein? Dann können wir reden.“

Neulich tauchte im Rahmen von Climaximo der Vorschlag auf, Workshop-Module zu Klimawandel und Klimagerechtigkeit für Schulen und Jugendprojekte zu entwickeln. Dies könnte in Zusammenarbeit mit der Initiative Canto do Curió geschehen, die bereits Jugendprojekte auf der Südseite des Rio Tejo betreibt. Heute Abend soll es ein erstes Treffen geben, bei dem wir besprechen, wie das genauer aussehen könnte. Um einen Einblick in die Aktivitäten von Canto do Curió zu bekommen, war ich am Sonntagnachmittag mit einem Freund aus der Initiative in einem Viertel auf der anderen Flussseite.

Während wir um die Mittagszeit in Belém auf die Fähre warteten, gab er mir einen breiten Überblick über die verschiedenen Aktivitäten, Arbeitsweisen und Grundsätze. Ich frage mich, ob diese mit den Ideen von Climaximo zusammenpassen, da die Klimagruppe durchaus an Lernerfolgen interessiert ist, während Kinderprojekt von Canto do Curió eher auf den Prozess als solchen und die Selbstbestimmung der Kinder fokussiert ist. Dennoch (oder vielleicht auch gerade deshalb) bin ich sehr begeistert von den vorhandenen Konzepten.

Die Fähre legt in Trafaria, einem kleinen, zu Almada gehörenden Ort an, in dem wir erstmal Kaffee trinken gehen und einen Toast mit pão alentejano essen. Wie mir mein Bekannter erzählt, gibt es hier auch eine Schule und zwei Bibliotheken, mit denen gemeinsam wir möglicherweise ebenfalls Projektveranstaltungen machen könnten. Im Momemt geht es aber über einen kleinen Feldweg und an einem Strand vorbei nach Segundo Torrão – eine ohne Baugenehmigungen errichtete Siedlung, in der das laufende Projekt von Canto do Curió stattfindet. Obwohl es ein nutzbares Haus eines anderen Vereins gäbe, das als Anlaufspunkt dienen könnte, müssen wir die Kinder zusammentrommeln, da die Verbindlichkeit zu gering ist und das Projekt zu unregelmäßig stattfindet. Also laufen wir durch die schmalen Gassen von Segundo Torrão, das angeblich einer Stadt in Angola sehr ähnlich sehen soll, und suchen das Haus eines Kindes, dass sich sehr regelmäßig an den Aktivitäten beteiligt. Wir verirren uns etwas zwischen den einfachen, aber wunderbar farbenfrohen Häusern, finden jedoch schließlich mit etwas Fragen das gesuchte Haus. Wir werden erstmal hineingebeten und sollen Platz nehmen. Mein Bekannter unterhält sich länger mit der Mutter des Mädchens. Unter anderem wohl darüber, wie sie über das Internet die im Projekt entstanden Fotos herunterladen kann. Als sie hört, dass ich aus Deutschland komme, fragt sie, wie schwierig die Einwanderung nach Deutschland ist. Leider kenne ich mich zu wenig aus und kann ihr keine hilfreiche Antwort geben. Sie erzählt, dass sie Portugal sehr mag und eigentlich nicht weg will. Aber mit der Krise sei es dort für sie schwierig geworden einen Job zu finden.

Als wir wieder draußen sind, ruft das Mädchen andere Kinder zusammen. Einige luken zunächst vorsichtig um die Ecke und müssen ihre Eltern fragen, ob sie bei uns mitmachen dürfen. Ein Junge darf nicht und ist offensichtlich sehr traurig. Später frage ich meinen Bekannten und er sagt, die Eltern des Jungen würden ihm nicht vertrauen. Schließlich ist aber doch eine kleine Gruppe von etwa acht Kindern zusammengekommen, die alle Karten und Stifte erhalten. Einige Wochen vorher ist offenbar die Frage aufgeworfen worden, ob das Meer die Siedlung verschlucken wird. Seitdem versuchen die Kinder diese Frage zu klären und haben wohl schon Bewohner_innen in verschiedenen Teilen der Siedlung befragt, ob es in oder vor ihren Häusern schon mal Hochwasser gab und wie hoch dieses ggf. gestanden habe. Nun erzählt eines der Kinder, es hätte in der Siedlung eine Muschel gefunden, die möglicherweise ein Indiz dafür sein könnte, dass das Meer dort gewesen sein könnte. Also läuft die Gruppe zum Fundort. Dort liegt neben einer Gabel und anderem Müll tatsächlich eine Muschel. Ich finde es absurd, dass die Gruppe sich in diese Idee verrennt und tatsächlich der Vorschlag diskutiert wird einen Fosilexperten zu befragen. Andererseits möchte ich den Grundsatz die Kinder entscheiden zu lassen auch nicht mit „erwachsener“ Besserwisserei stören. Glücklicherweise scheinen die jüngeren Kids den Vorgang ähnlich uninteressant zu finden wie ich. Sie reden auf mich ein, zeigen mir, wie sie ihre Namen schreiben können (oder auch nicht), erzählen von sozialen Unterschieden, malen Bilder und sind neugierig angesichts meiner geringen Sprachkenntnisse. Ein Mädchen stellt fest, dass ich eben eine andere Aussprache und andere Wörter gewohnt sei und bittet mich, „mein Alphabet“ aufzusagen. Sie hört genau zu und stellt fest, dass ich tatsächlich einige Buchstaben ganz anders ausspreche. Ich bin fasziniert über den geradezu wissenschaftlich-linguistischen Ansatz mit dem sie die Frage angeht.

Mein Begleiter versucht die rege Kommunikation der jüngeren Kinder hingegen immer wieder zu bremsen. Gleich zu Beginn hat er einen kleinen Stein zum begehrtesten Objekt gemacht, indem er festgelegt hat, dass nur wer den Stein hat, sprechen soll. Aber während die älteren den Stein rege unter sich weitergeben und sich in der Debatte um die gefundene Muschel hervortun, fällt es den jüngeren schwer sich an die Regel zu halten. Ein Mädchen sucht sich schließlich einen eigenen Stein und drückt mir einen weiteren in die Hand. Sie erklärt mir: „Jetzt können wir reden.“ Ich bin begeistert über diesen subversiven Ansatz!

Schnell habe ich die Kinder ins Herz geschlossen. Als wir uns schließlich auf dem Heimweg befinden, stelle merke ich, dass ich bereits versuche neue Ideen und Verbesserungsvorschläge in das Projekt einzubringen. Das macht mir auch Angst, denn ich weiß dass ich mir ohnehin schon viel zu viel für die nächsten Wochen und Monate vorgenommen habe. Trotzdem kann ich die Überfahrt mit der Fähre und die Gespräche mit meinem Bekannten genießen.

Wieder in Belém angekommen, bin ich eigentlich todmüde. Aber eine Bekannte hat mich eingeladen, mit ihr zu einer Party in einem besetzten Haus irgendwo zwischen Lissabon und Sintra zu kommen; und während ich noch mit mir hadere, lese ich die SMS eines weiteren Bekannten: „Ei. U have to come.“ Eine andere Freundin kann wegen einer Verletzung leider nicht kommen, aber schreibt dazu nur: „Yeah! So cool! Enjoy a lot!!“ Also radle ich zum Bahnhof, warte auf den nächsten Zug und bin irgendwann im richtigen Ort. Ich irre mit einer schlechten, handgemalten Karte, die ich am Vortag erhalten habe, herum … Und lasse mich nach längerem Suchen doch am Bahnhof abholen. Im Gehen kriege ich ein Glas Muskatwein gereicht. Bei Ankunft geht es gleich in den Keller. Es ist etwa 22 Uhr. Gerade richtig zum Konzertbeginn. Leise setze ich mich zwischen andere Menschen auf den Boden. Vor uns setzen zwei Menschen mit einer Gitarre und einem Blasinstrument zum Spielen an. Eine ruhige, aber zugleich sehr lebendige Musik ertönt. Ein Lied folgt dem nächsten. Die Wände im Hintergrund sind bunt bemalt. Alle sind wie verzaubert, sitzen regungslos da und hören zu.

Aber irgendwann ist auch das letzte Lied vorbei. Bewegung kommt in den Raum. Es gibt Essen: Brot, Salat und leckere vegane Aufstriche. Wie gut das tut! Es ist Monate her, dass ich vegane Brotaufstriche zu essen bekam. Ich bin mir mit einer Freundin einig, dass die Olivencreme am besten schmeckt, und wir nehmen uns nach. Essen, Muskatel, eine gemütliche Sofaecke und nette Gespräche. Ich versuche zu lernen, wie Zigaretten gedreht werden – scheitere aber hoffnungslos. Irgendwann erkundige ich mich nach den Fahrzeiten der Züge und erfahre, dass der letzte schon vor etwas 40 Minuten gefahren sei. Das sei aber gar kein Problem. Ich könne doch einfach hier schlafen. Es gäbe mehr als genug Sofas und Schlafsäcke. Müde suche ich mir einen Schlafplatz und finde statt eines Sofas eine Matratze im angrenzenden Raum, der als Umsonstladen eingerichtet ist. Gegen sechs Uhr wache ich nach zu kurzer Nacht auf. Ich schleiche möglichst leise aus dem Haus, leiste mir auf dem Weg zum Bahnhof einen Tost und einen doppelten Kaffee, und habe gerade noch genug Zeit vor der Uni kurz nach Hause zu fahren, um zu duschen und meine Sachen zu packen. Trotzdem besuche ich nur den ersten meiner drei Montagkurse. Den Rest des Tages verbringe ich schlafend im Bett.

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