Deadlines

Nach den regnerischen Wochen gab es nun nochmal ein paar sommerlichen Tage. So konnte ich vergangenen Sonntag mit einer Freundin aus dem Sprachkurs und einem Weltenbummler 1, der bei ihr zu Gast war, bei 24 Grad und strahlendem Sonnenschein einen vielleicht letzten Tag am Strand verbringen. Wir waren an der Costa da Caparica, deren riesiger Stand in keiner Weise mit den kleinen Buchten zwischen Lissabon und Cascais zu vergleichen ist. Auf der etwa einstündigen Busfahrt dorthin habe ich zum ersten Mal die Ponte 25 de Abril überquert, die ich täglich von Alĉantara aus sehe und die nach dem Vorbild der Golden Gate Bridge errichtet wurde 2. Wir waren ordentlich mit leckerem selbstgemachtem Essen ausgestattet, was gut war, denn das „Baden“ machte ganz schön hungrig – „Schwimmen“ kann ich es nicht nennen, denn angesichts eines starken Wellengangs blieb nur die Option immer wieder in das Wasser hinein und wieder heraus zu laufen. Und wenn gerade noch am Ufer stand, höchstens bis Wadenhöhe im Wasser, reichte es mir im nächsten Moment bis zu Brust – wenn mich die Wellen nicht umgeworfen hatten. Als wir uns am späteren Nachmittag auf den Rückweg machten, war der Bus so überfüllt, dass wir nicht mehr hinein passten. Kurzerhand entschieden wir uns nach Lissabon zurück zu trampen. Als wir nach einer Weile mitgenommen wurden, bemühte sich der Fahrer des Autos redlich mit uns in einer Sprache zu reden, die wir alle drei verstehen konnten. Erst nach einer Weile verstand er, dass dies ein vergebliches Unterfangen war: meine Bekannte spricht kaum Englisch und erst recht kein Deutsch; ihr Besucher zwar fließend Deutsch und Englisch, aber kein Portugiesisch; und ich beherrsche Französisch (die Muttersprache der beiden anderen) zu wenig, um Gesprächen auch nur annähernd folgen zu können. (Mein Portugiesisch ist zwar noch schlechter, aber unser Gesprächsniveau hier auch deutlich simpler.) Eine irgendwie skurrile Situation, in der wir uns dann aber doch alle irgendwie verständigen konnten.

Obwohl ich mir trotz des schönen Wetters den halben Samstag vor dem Computer gesessen und auch wenigstens einige Texte für meine Seminare gelesen hatte, musste ich am Montag wiedermal feststellen, dass das Wochenende „zu kurz“ gewesen war. Insbesondere die eigentlich für Mittwoch angesetzte, dann aber glücklicherweise auf Donnerstag erweiterte Deadline für die schriftliche Zusammenfassung unserer „Gruppenprojekte“ im Anthropologie-Kurs „Colonialism and Post-Colonialism“ machte mir Sorgen. Das „Gruppenprojekt“ ist eigentlich ein Referat, das wir zu zweit oder zu dritt halten sollen. Zu Semesterbeginn konnten wir dazu eines von zehn Themen, dir alle erstaunlich aktuell sind, wählen:

  1. The end of the Arab Uprisings?
  2. Use of Muslim veil in non-Muslim societies
  3. Recruitment of fighters for Syrian civil war
  4. The ‘russification’ of the Ukraine
  5. Second amendment & gun laws in US
  6. Immigration from Latin America to US
  7. Immigration from Africa to Europe
  8. Racism in professional sports
  9. Brazil and the 2014 soccer World Cup
  10. The spread of the Ebola pandemic in Africa

Eigentlich war für mich von Anfang an klar gewesen, dass ich unbedingt etwas zum Thema „Immigration from Africa to Europe“ machen wollte – allerdings hatte ich keine Gruppe dazu finden können. So hatte ich mich einer anderen angeschlossen, die zum Thema „The end of the Arab Uprisings? “ arbeiten wollte. Schnell hatten wir uns darauf geeinigt gehabt uns auf Libyen zu fokussieren und den Stoff wie folgt zu verteilen: ich übernahm den geschichtlichen und kolonialen Hintergrund der Situation und die beiden anderen dann die Aufstände und den Bürgerkrieg bzw. die Situation danach. Danach fehlte mir Zeit und Motivation mich ernsthaft in das Thema einzuarbeiten, bis ich dann Dienstags feststellte, dass es ja eigentlich sehr sehr interessant ist und ich gerne noch ein paar Wochen mehr hätte, um ganz viele Hintergrundtexte dazu zu lesen und einzubeziehen. Trotzdem schaffte ich es nach zwei arbeitsreichen Nächten meinen Teil der schriftlichen Zusammenfassung bis Donnerstag Mittag fertigzustellen und nebenbei im selben Zeitraum noch am Festessen der Assembleia pela Soberania Alimentar (in kleiner Runde) teilzunehmen, mit dem wir den Erfolg von Pratos Limpos feierten 4, neue Veranstaltungen zu planen, ein Doodle zu erstellen und abzuändern, kurz vor Fristende noch meinen Antrag auf Erstattung der Kosten für Semesterticket in Mainz abzusenden, andere wichtige Erasmusdokumente zumindest mal einzuscannen, einer traurigen Freundin zuzuhören, die nächste Hürde zur Beantragung einer portugiesischen Sozialversicherungsnummer zu nehmen, indem ich bei einer städtischen Behörde um die Ausstellung eines Certificado de Registo de Cidadão da União Europeia bat 3 und den Mobilfunkanbieter zu wechseln:

Ein Werbestand auf dem Campus kam gerade recht, da mein Testmonat bei Moche 5 gerade abgelaufen war und ich aber mit den Konditionen dort nicht zufrieden war, da ich damit nur Moche-Nummern anrufen konnte. Die Leute am Stand von WTF warben mit Freiminuten, Internet-Datenvolumen, etc. Die Kosten lägen bei monatlich 7,50 Euro. Wenn wir den ersten Monat bezahlt hätten und freigeschaltet wären, bekämen wir aber 50,00 Euro gutgeschrieben, mit denen wir die folgenden sechs bis sieben Monate bezahlen könnten. Das klang gut. Ich sei doch unter 25, fragte der eine. Nein, 32, sagte ich. Das sei kein Problem, ich müsse nur eine Person finden, deren Daten ich zur Registrierung verwenden könnte. Uff … Ich rief eine Kommilitonin an, die prompt aus der Bibliothek kam. Sie war bereit, mir ihre Daten zu geben – überlegte dann aber, ob sie nicht selbst das Angebot wahrnehmen wollte. Während ich eigentlich schnell zu einem Seminar musste, überlegten wir noch hin und her. Bis die Leute am Stand plötzlich riefen, sie hätten mein Problem gelöst. Sie hätten da ein paar Ausweisnummern stehen, die sie verwenden könnten. Also zahlte ich 7,50 Euro, die Karte wurde auf eine der Nummern in der Liste freigeschaltet, mir wurde noch gesagt, sie sei in etwa 24 Stunden funktionsfähig und ich rannte zu meinem Kurs. Ein bisschen skeptisch war ich dann doch, aber tatsächlich funktionierte alles, als ich das Telefon am nächsten Tag einschaltete, und ich hatte eine SMS vorliegen, in der stand, dass mir 50 Euro gutgeschrieben worden seien.

Eigentlich wollte ich mich dann gleich am Donnerstag Nachmittag an die Power-Point-Präsentation für das Referat setzen, doch schon bald musste ich feststellen, dass ich einfach viel zu müde war. So schlief ich den restlichen Donnerstag. Am Freitag Vormittag stellte ich fest, dass das mit der Gesundheits-Nummer wahrscheinlich noch komplizierter ist als gedacht, und dass ich mich vermutlich nicht so sehr beeilen muss, da ich diese sowieso erst nach 90 Tagen hier bekommen kann. Am Nachmittag war ich im Rahmen des Forschungsprojekts und Kurses „Counting Colonial Populations“ verabredet. Wir fuhren mit dem Dozenten zu einem öffentlichem Archiv, in dem koloniale Dokumente aufbewahrt werden. Am Eingang nannten die anderen jeweils eine Nummer. Der Dozent erzählte mir, er hätte seine eigentliche Nummer vergessen, aber er würde einfach immer diese sagen und das funktioniere. Wir ließen unsere Sachen am Empfang und gingen in einen Lesesaal, wo ich auch eine Nummer beantragte. Wiedereinmal musste ich ein umfangreiches Dokument ausfüllen. Da ich meine Passnummer nicht zur Hand hatte, meinte der Dozent, ich solle mir einfach eine ausdenken, das sei doch nur Bürokratie. Eine Aufgabe, die mich überforderte, da ich aus dem Kopf heraus nicht wusste, wie die Passnummer auszusehen hatte. Also suchte ich lieber nach einem Dokument auf meinem Computer, in dem die Passnummer stand – solche habe ich nach zwei Monaten hier mehr als genügend.

Mit weiteren Formularen konnten wir bestimmte Kisten an unseren Tisch bestellen, die wir dann komplett durchgehen mussten, um die gesuchten Dokumente, die wir einsehen wollten, zu finden. In diesem Fall Volkszählungsbögen bestimmter Jahre. Da ich im Rahmen des Projektes eine schriftliche Arbeit zu den verschiedenen bei britischen und indischen Volkszählungen in Indien angewendeten Kategorien sein wird, bekam ich gezeigt, wie ich einige der entsprechenden Originaldokumente finden kann, und notierte mir die Nummern der Boxen, so dass ich selbständig wiederkommen und danach fragen kann. Das beste an dem Archiv war die ansprechende Räumlichkeit und die ruhige Arbeitsatmosphäre – so dass ich mich fragte, ob ich nicht einfach zum Lernen dorthin kommen könnte, zumal es auch relativ nahe an meinem Wohnort in Alĉantara liegt. Allerdings ist es leider am Wochenende geschlossen.

Da der Ausflug zum Archiv bis in den Abend dauerte und ich anschließend schon wieder müde war, konnte ich die Power-Point für die Gruppenpräsentation erst gestern erstellen und sitze nun heute an einer schriftlichen Arbeit für den Kurs „Portuguese and Brazilian Literature“.

 


 

1 Er hat vor mit einem Segelboot von hier aus nach Amerika zu reisen. Ein Boot hat er schon gefunden, indem er einfach am Hafen gefragt hat.

2 In einem Lonely-Planet-Reiseführer, den mir eine liebe Freundin geschickt hat, und der mir das Gefühl gibt, ich müsste eigentlich zehn Jahre hier bleiben um wenigstens ansatzweise alles interessante zu sehen, heißt es: „Viele erleben ein Déja-vu, wenn sie diese gigantische Hängebrücke das erste Mal erblicken. Das überrascht kaum, gleicht sie doch der Golden Gate Bridge in San Francisco bis aufs Haar. Ja, sie wurde sogar von dem selben Unternehmen errichtet (1966) und ist mit 2,27 km fast so lang wie ihr amerikanisches Pendant. […] Bis zur Nelkenrevolution von 1974 […] hieß sie Ponte Salazar. Damals schrieb ein Demonstrant ein „25 de Abril“ über den Namen Salazars – die Diktatur wurde gestürzt und der neue Name blieb.“ (Lonely Planet Portugal, deutsche Ausgabe, September 2011)

3 Ein Vorgang, der mir nur noch absurd vorkam, da doch schon mein Ausweis bestätigt, dass ich EU-Bürgerin bin. Aber zumindest war die Person hinter dem Schalter sehr nett und geduldig. Und vielleicht klappt das ja dann doch noch irgendwann mit der Sozialversicherungsnummer und der Gesundheits-Nummer.

4 Obwohl wir nur wenige waren, wäre es schade gewesen, es zu verpassen. Es gab superleckere Oliven, Brot, Knoblauch-Inwer-Öl, guten Wein, Spagetti mit Tomatensauce und Apfel-Crumbble.

5 Ähhm, eigentlich schon der zweite – schließlich hatten die Erasmus-Organisationen einfach sooo viele SIM-Karten bei der Begrüßungsveranstaltung verschenkt.

 

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