Loja de Cidadão

… oder die Wirrniss des portugiesischen Melde- und Sozialversicherungssystems

 

Seit gestern früh habe ich Besuch von einer Freundin einer Freundin, die nach nur ungeführ 27 Stunden Zugfahrt aus Freiburg ankam. Das bringt einen sehr interessanten Austausch mit sich. Sie hat vor einigen Jahren auch Erasmus gemacht, in Bordeaux – und geblieben sind fast ausschließlich negative Erinnerungen an verwirrende Formulare, schlechte Wohnsituation und das fehlen wirklich tiefgehender Freundschaften vor Ort. Ich merke wie glücklich ich mich schätzen kann, dass ich trotz oft sehr großer Überforderung und Orientierungslosigkeit doch irgendwie sehr zufrieden hier bin. Je nachdem, wie stark der Wunsch nach Kommunikation und Interaktion besteht, nehmen Menschen offenbar Mobilität und neue Umgebungen sehr unterschiedlich wahr. Und das ist wahrscheinlich nur einer von vielen Faktoren. Überschäumend fasste meine Besucherin gestern Abend ihre ersten Eindrücke der Stadt zusammen. Bilder, die teilweise meine Wahrnehmung widerspiegeln und sie an anderer Stelle kontrastieren.

Heute früh um halb Acht klingelte wie vereinbart der Wecker. Meine neue Bekannte war irritiert:„Wirklich schon? Mir kommt es noch viel früher vor!“ Ein Gefühl, das ich hier regelmäßig habe, und das mir jedes mal von neuem unerklärlich erscheint. Obwohl ich im Vergleich zu Deutschland morgens ohnehin schon „eine Stunde mehr habe“, bin ich viel müder als sonst zu selben Zeit. Auch die Tage verrennen seltsam beschleunigt. Manchmal denke ich fast: Kaum bin ich aufgestanden, ist es schon wieder am Dämmern. Hinzu kommt eine generelle Unsicherheit in vielen Dingen des Alltags. Banale Fragen, wie: Was finde ich in welchen Geschäften? Vieles funktioniert natürlich genauso, wie in Deutschland – aber eben doch nicht alles. Auch in der Uni. Ziemlich schnell habe ich das sog. „Copy-Center“ gefunden, in dem Kopien von von Dozent_Innen hinterlegten Dokumente erhältlich sind und auch Ausdrucke von einem USB-Stick möglich sind. Allerdings kann mensch nicht selbst drucken, sondern nur „drucken lassen“. Es gäbe auch die Möglichkeit in einem Computerraum im B2-Gebäude zu drucken, habe ich mehrfach gehört. Aber dem Raum nie gefunden. Weder im Erdgeschoss noch im ersten Stock. Unterrichtsräume, Räume von Lehrenden, etc. – aber kein sala de informática. Ich hatte die Suche schon aufgegeben, als mir vorgestern Abend ein Freund einer Kommilitonin den Raum zeigte. Der Drucker dort funktionierte zwar gerade nicht, aber endlich habe ich einen ruhigen Arbeitsraum jenseits der Bibliothek, die oft sehr überfüllt ist und zudem schon am frühen Abend schließt, entdeckt. Dann erzählte der nette Mensch noch, es gäbe auch einen Copyshop nur ein paar Straßen von der Uni entfernt, in jeder Ausdruck nur 1,5 Cent koste. Trotz knapper Zeit [1] lief er mit uns den ganzen Weg dort hin.

Als schwierig empfinde ich nach wie vor die Frage, wie oder ob ich in das portugiesische Krankenversicherungssystem wechseln kann. Offenbar haben die Menschen hier schon von Geburt an eine Krankenversicherungsnummer (wohl vergleichbar zur Sozialversicherungsnummer bei uns), mit der sie kostenlosen Anspruch auf die europäische Gesundheitskarte haben. Viele sind geradezu schockiert, wenn sie erfahren, dass ich für diese Karte bzw. die entsprechende Versicherungsleistung monatlich etwa 150 Euro an meine Versicherung in Deutschland zahlen muss. Zumal ich hier damit auch nur die selbe (angeblich im Vergleich zu Deutschland schlechtere) Gesundheitsbehandlung bekomme und wie alle hier auch noch relativ viele Zuzahlungen machen müsste. Im Detail kann mir aber kaum jemand meine Fragen beantworten. Schon allein die Frage, ob ich als „Ausländerin“ überhaupt Zugang zum portugiesischen Gesundheitssystem erhalten kann, scheint strittig zu sein. [2] Zunächst dachte ich, ich könnte mich einfach hier mit meiner Wohnadresse melden und hätte damit dann als EU-Bürgerin weitgehend ähnliche Möglichkeiten, wie alle hier lebenden. Aber schon die Frage, wo ich hier hin muss, um „mich anzumelden“, verwirrt die meisten Menschen hier. Das liegt daran, dass das portugiesische Meldesystem völlig anders ist, als das deutsche. Offenbar melden sich die Menschen hier nicht bei jedem Umzug um, und der Staat weiß also nicht genau, wo wer lebt. Eigentlich im Bezug auf Freiheit versus Überwachung ein sympathischeres System. Für mich im Moment allerdings erstmal eine Hürde und Anlass zur Verwirrung. Zumal ich mich nach deutschem Melderecht eigentlich nach Portugal ummelden müsste. Portugiesische Bekannte erklärten mir es gäbe die Möglichkeit sich in einem bestimmten Stadtteil zu registrieren, dafür müsste ich aber einen Mietvertrag vorlegen, oder gemeinsam mit zwei in dem selben Stadtteil gemeldeten Personen dort hingehen, die dann bezeugen müssten, dass ich wirklich dort lebe. Das ganze sei relativ aufwändig und sie selbst seien auch noch in einem Stadtteil registriert, in dem sie vor Jahren mal gelebt hätten. Dann würde ich aber auch nur ein Papier erhalten, auf dem eben dies bestätigt würde und das mir sonst keine weiteren Vorteile brächte. Etliche Menschen haben mir auch vorgeschlagen, zur deutschen Botschaft zu gehen und dort zu klären, was ich machen muss. Ein Ratschlag, der mir seltsam erscheint, da es doch das portugiesische und nicht das deutsche System ist, das mich im Moment verwirrt.

Gestern habe ich dann mal im GEIM-office, das ja eigentlich vor allem für unsere Anmeldung an der Uni, die Kurswahl, usw. zuständig ist, nachgefragt, ob die Leute dort mir zufällig sagen könnten, wie das sei. Auch hier waren die sehr netten und hilfbereiten Ansprechpersonen zunächst ratlos – offenbar scheint das kein sehr verbreitetes Problem zu sein. [3] Nach einigem Hin und Her erhielt ich dann aber den Ratschlag, mal bei der Loja de Cidadão nach Segurança Social zu fragen.

IMG_20141017_183043Also bin ich heute Vormittag mit der Metro bis Laranjeiras zu fahren, um „kurz mal“ bei der Loja de Cidadão vorbeizuschauen – mit dem Plan dann gleich zur Uni weiterzufahren und dort nach Quellen für ein Referat zu recherchieren. Zu meinem Erschrecken hatte ich den Morgen bereits vertrödelt und es war schon nach 11 Uhr, als ich im Gewirr eines riesigen und unübersichtlichen Gebäudes die Nummer A242 zog. Dabei musste ich zunächst einmal am Automaten die richtige Abteilung und mein Anliegen aus einer riesigen Liste, die zum größten Teil aus mir unverständlichen Abkürzungen bestand, wählen. Mir kam alles etwas seltsam vor. Allein schon die Kombination der verschieden Abteilungen erschien mir sehr ungewohnt. Die diversen Schalter sind über drei Stockwerke verteilt: ein Finanzamt, diverse Telekomunikationsunternehmen, Energieversorger, Passangelegenheiten, irgendwas was mit Kriminalität zu tun hat, ein Postschalter, etc. Diese verschiedensten Schalter sind in einer mir nicht logisch erscheinenden Weise in drei Bereiche (rot, gelb und grün) geliedert. An jeder Ecke finden sich Bildschirme, über die die Nummern für alle Bereiche aufgerufen werden.

Nach einer Weile fand ich dann heraus, wo sich die für mich zuständige Abteilung tatsächlich befand und auf welcher Ecke des Bildschirms die entsprechenden Nummern angezeigt wurden. Der Zähler befand sich irgendwo in den A070ern. Ich starrte auf meine A242 und als ich angesichts der Tatsache, dass die Loja de Cidadão schon seit 8:30 Uhr geöffnet hatte, versuchte abschätzen wie lange es wohl noch dauern könnte, erschrak ich etwas. Da ich mir überhaupt nicht sicher war, ob ich denn für dich richtigen Bereich eine Nummer gezogen hatte, ging ich nach einer Weile nochmal zu dem Automaten und sah mir die Bereiche an. Bei einem Bereich für Personalausweise und Reisepässe hatte ich die Hoffnung, er könnte mit dem Meldesystem zu tun haben, zumal dort auch etwas von „Registration“ stand. Also zog ich für diesen Bereich auch eine Nummer. Hier ging es deutlich schneller. Nach nur einer guten halben Stunde kam ich an die Reihe. Ich versuchte der Frau hinter dem Schalter in meinem bruchstückhaften Portugiesisch zu erklären, dass ich mich in Portugal anmelden wolle. Sie sagte, dass ich dazu erst die Portugiesische Staatsbürgerschaft beantragen müsse. Damit war die Audienz beendet. Mir blieb also keine Möglichkeit, als weiter darauf zu warten, dass ich bei den für die Sozialversicherung zuständigen Schaltern an die Reihe käme. Der Zähler war allerdings immer noch in den A070ern. Deshalb entschied ich mich erstmal nach draußen zu gehen. In aller Ruhe sah ich mir die umliegenden Geschäfte an; lief so lange durch den nächsten Supermarkt, bis ich doch noch Hustenbonbons fand; entdeckte zu meiner Begeisterung einen Schreibwarenladen, verschaffte mir einen Überblick über das Sortiment, entschied mich für einen Kleber, verglich die vorhandenen Taschenkalender, stellte fest, dass keiner meinen Bedürfnissen entsprach, kaufte noch eine neue Mini-SD-Karte für mein Telefon [4], unterhielt mich mit dem Verkäufer, der Verwandtschaft in Norddeutschland hat über Dialekte im Portugiesischen und im Deutschen; und schlenderte langsam zurück. Der Zähler bewegte sich mittlerweile langsam auf die A100 zu. Ich verlies das Gebäude wieder und setzte mich auf eine Treppe, kramte etwas Garn aus der Tasche und flickte einige Löcher in meinem Pullover. Als ich das Gebäude wieder betrat, mich setzte und eine Weile in Richtung Bildschirm starrte, bewegte sich der Zähler in sehr sporadischen Hüpfern langsam weiter und befand sich immerhin schon bei etwa A130. Immer wieder überlegte ich einfach zu gehen und mein Glück nochmal an einem anderen Tag und früher zu versuchen. Stattdessen trank ich irgendwo einen Kaffee und lief etwas durch die Gegend. Als ich wieder kam, zeigte der Bildschirm immerhin schon die A124.

So vergingen noch ein paar Stunden, bis ich gegen 16 Uhr endlich drankam. Ich war sehr erleichtert, als ich merkte, dass ich mein Anliegen irgendwie in portugiesischen Wortfetzen verständlich machen konnte. Die mir gegenübersitzende Frau sagte, ich könne eine Gesundheitsnummer beantragen und solle mit einem ausgefüllten Antrag, einer Ausweiskopie, meiner Número Fiscal und einem Certifido de Recidencia de Cidadão European wiederkommen. Die Bestätigung der europäischen Staatsbürgerschaft bekäme ich in der Câmara Municipal, also dem Rathaus, und die Finanznummer gäbe es im Erdgeschoss. Also zog ich wieder eine Nummer, diesmal eine A210 – da der Zähler vor dem „Finanzamt“ bereits in den A190ern stand, dachte ich allzu lange könne es hier nicht dauern. Ein großer Irrtum …

Ich gegen 18:30 Uhr verließ ich das Gebäude und hatte es damit heute weder geschafft für mein Referat zu recherchieren, noch mich an den für heute Abend angesetzen Vorbereitungen für das morgige Pratos Limpos-Fest zu beteiligen. Aber ich habe möglicherweise eine bürokratische Hürde überwunden.

___________________________________________________________

  • [1] Er hatte eigentlich noch einen Kurs …
  • [2] So meinte zum Beispiel jemand, ich könne die Gesundheitsnummer nur erhalten, wenn ich in Portugal schon sozialversicherungspflichtig gearbeitet hätte.
  • [3] Im Bezug auf die meisten Studierenden aus Deutschland ja auch nicht so sehr verwunderlich: die Unter-30-Jährigen zahlen schließlich nur 75 Euro monatlich, wenn sie nicht sogar noch familienversichert sind.
  • [4] Ich hatte die erste vor gut drei Wochen gekauft, und nun war sie schon kaputt. Da mein erst vor kurzen geschenkt bekommenes Telefon ohne SD-Karte weder Platz für Skype, noch für Fotos hat, musste eben eine neue her.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.