Erschöpfung

In den letzten Tagen ist das Wetter sehr sonnig und warm. Oft über 25 Grad und kein Regen. Leider kann ich es nicht so richtig genießen, da ich mich „kränklich“ fühle. Ein Hauch von Grippe, ein Hauch von Erkältung, ein Hauch von Kopfschmerz – alles nicht ganz, aber doch ein bisschen. Ich führe es auf Erschöpfung zurück. Zuviele lange Abende und frühe, arbeitsreiche Morgen [1] . Zuviel Neues. Zuviele Sprachen. Zuviel Bürokratie und Angst was nicht hinzukriegen. Der schnelle Start ins Semester nach kaum vorhandenen Ferien. Sich überkreuzende und verheddernde Pläne. Ein vergessener Stadtplan und schon wieder Herumgerirre zwischen nicht zu findenden Bushaltestellen.

Zumindest halte ich diese Erklärung für naheliegend. Eine Kommilitonin war in den letzten Wochen stark überfordert, mit Bürokratie, Kurswahl, Alltagsentscheidungen. Das sind wahrscheinlich viele von uns. Aber bei ihr wirkte es sich extrem auf ihr allgemeines Wohlbefinden aus und sie überlegte sogar immer wieder das Erasmus abzubrechen. Sie wurde krank, hatte zwei Infektionen gleichzeitig, musste sich dadurch auch noch mit dem Gesundheitssystem hier auseinandersetzen und bekam Antibiotika verabreicht. Inzwischen ist ihre Situation wieder besser, nachdem sie Besuch aus Deutschland hat, zumindest temporär in eine weder überteuerte noch schimmlige Wohnung einziehen konnte und sich auch sonst einige Fragen geklärt haben.

So weit will ich es nicht kommen lassen und habe deshalb entschieden, dass ich zwar nicht krank bin. [2] , ich mich aber trotzdem erstmal schone und alles etwas langsamer angehe. Ich habe einige Treffen abgesagt und auch sonst vieles „weggeschoben“. In den letzten Nächten habe ich zwölf, zehn und zuletzt neu Stunden geschlafen. Wirre Träume, die sich allesamt mehr oder weniger um meine Realität in den letzten Monaten vor meiner Abreise in Deutschland drehten, waren mir nach dem schweißgebadeten Aufwachen noch völlig präsent – Portugal ist offenbar noch garnicht bis in mein Unbewusstes vorgedrungen.

Einer der kürzlichen Stressfaktoren war die endgültige Deadline für die Festlegung der Kurse und die Abgabe der entsprechenden Dokumente. Entgegen meiner ursprünglichen Pläne habe ich jetzt nun doch relativ viel belegt. Neben dem Sprachkurs vier weitere Kurse. Den portugiesischsprachigen „História da Índia“-Kurs. Zwei Seminare aus dem speziell für Austauschstudierende zusammengestellten englischsprachigen Programm: „Colonialism and Post-Colonialism“ und „Portuguese and Brazilian Literature“. Und dann noch einen weiteren englischsprachigen Kurs namens „Counting Colonial Population“, der im Rahmen eines Forschungsprojekts stattfindet, bei dem Bevölkerungsstatistiken, die im Rahmen portugiesischer Kolonialherrschaft entstanden sind, ausgewertet und zugegänglich gemacht werden. Die erste Sitzung fand am Montag statt. Der Kurs ist klein: wir sind drei Teilnehmende aus dem Erasmus-Programm; ein weiterer Teilnehmer kommt aus Basilien und arbeitet gerade an seiner Doctorarbeit (oder irgendwie so); dann ist da natürlich noch der Dozent, sowie zwei weitere Personen, die schon seit längerem in das Projekt involviert sind und den Dozenten direkt unterstützen. Umso erstaunlicher, dass ich einen der beiden letzteren schon kenne – er ist mir ein paar Tage vorher in der RDA69 begegnet und wir kamen über „Reisen ohne Flugzeug“, „kostenloses Schiffspassagen zu den Azoren“, und die Azoren generell ins Gespräch.

Insgesamt sind vier Kurse erstmal nicht viel. Allerdings sind im Gegensatz zur Uni in Deutschland alle Kurse hier vierstündig und es gibt pro Kurs (außer den Sprachkurs) sechs Leistungspunkte. Wenn ich dann durchrechne, dass ich insgesamt auf 28 Credit Points komme und pro Kreditpoint etwa 30 Stunden aufwenden soll, pro Semesterwoche also zwei, komme ich wöchentlich auf 56 für das Studium aufgewendete Stunden – und dabei sind sprachliche Schwierigkeiten noch nicht einkalkuliert. Trotzdem möchte ich auf keinen der Kurse verzichten.

Anders ist hier auch die Form der Stoffvermittlung und die Bewertung der Studienleistungen. Viel wird frontal präsentiert und die Seminare kommen mir meist eher vor wie Vorlesungen. Gleichzeitig wird uns aber in Form von Prüfungen, schriftlichen Arbeiten, mündlichen Präsentationen, etc. sehr viel abverlangt. So bin ich aus Mainz gewohnt, dass es pro Modul, das sich aus zwei bis vier Veranstaltungen zusammensetzt, nur eine benotete Leistung gibt, die dann die Note für das gesamte Modul ergibt. Hier wird hingegen nicht nur jeder Kurs seperat bewertet, sondern diese Noten setzen sich zudem noch aus mehreren Leistungen, wie z.B. zwei Prüfungen, eine schriftliche Arbeit, einer Präsentation sowie der mündlichen Mitarbeit zusammen.

Hinzu kommt auch eine andere Zeitgestaltung. Erst in der zweiten Semesterwoche habe ich verstanden, dass es die „akademische Viertelstunde“ hier wirklich nicht gibt. Die Kurse beginnen zur vollen Stunde – oder auch manchmal 5-10 Minuten später, das ist jedoch nicht immer ganz absehbar und dauern also z.B. von 12:04 bis 13:46 Uhr – somit also länger als die 2×45 Minuten in Deutschland. Es sind nur wenige Minuten mehr, aber oft trotzdem spürbar. Selbst in den Fällen, in denen uns Dozenten eine 5-minutige Pause nach der knappen ersten Stunde gewähren und die Sitzung also insgesamt nicht sehr viel länger dauert, als ein Seminar in Deutschland, fehlt mir die halbe Stunde zwischen den Seminaren, in ich noch eben schnell einen Kaffee trinken, was essen oder etwas kopieren kann.

Ich werde in den nächsten Wochen sehen, wie gut ich mich an diese Lernbedingungen anpassen kann und wie ich mit dem gewählten Pensum zurechtkomme.

Schwierig gestaltete sich auch die Auswahl der Kurse für das zweite Semester – glücklicherweise sind Änderungen dann doch noch zu Beginn des zweiten Semesters möglich! Von der hiesigen Erasmuskoordinatorin für „Antropologia“ gibt es die Vorgabe, dass ich im nächsten Semester mindestens einen portugiesischsprachigen Kurs in Anthropologie belegen soll. Für dieses Semester hat sie noch den englischsprachigen „Colonialism and Post-Colonialism“-Kurs akzeptiert. Ich hoffe nun sehr, dass ich die Sprache bis Februar einigermaßen beherrschen werde! Die interessanteren Anthropologie-Kurse werden leider schon in diesem Semester angeboten – trotzdem wird mir die Qual der Wahl noch schwer genug fallen. Städtische Anthropologie finde ich interessant. Etwas methodisches wäre auch gut. also wahrscheinlich mindestens beides. Über den Fachbereich hinaus blickend würde mich auch noch das „Atelier de Journalismo“ interessieren. Ein englischsprachiger Soziologie-Kurs zu Migration klingt auch interessant. Ein Kurs zu Argumentation und Kommunikation ebenfalls. Und das war noch längst nicht alles… Aber wozu jetzt den Kopf zerbrechen, wenn ich mich auch noch im Februar quälen kann…

 

 

  • [1] Upss, musste tatsächlich nachsehen, wie der Plural von „der Morgen“ lautet. Hier heißt es dazu: „Der Plural von Morgen heißt die Morgen, nicht die Morgende. ‚Der morgende Tag‘ für ‚der morgige Tag‘ ist zwar veraltet, aber richtig.“

 

 

 

  • [2] Habe nämlich überhaupt keine Lust auf nachzuholende Kurse, Arztbesuche, komplexes Gesundheitssystem oder gar Verzicht auf Sonnenschein.

 

 

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