Das Fest

IMG_20141018_162731Em Pratos Limpos [1] war ein voller Erfolg! Die Veranstaltung war mit über 100 Leuten überraschend gut besucht. Schon am Samstagmorgen, als wir noch nicht mit der Dekoration fertig waren, stömten viele Menschen in das gemietete Vereinshaus mit zwei großen Sälen, einem weiteren Raum, Küche und unglaublich toller Dachterrasse. Kein Wunder, denn es war viel geboten: Vorträge, Filme, praktische Workshops, Debatten und Infotische lokaler Initiativen und regionaler Erzeuger_innen. IMG_20141018_162719Ich selbst schrieb gerade noch die letzten Hinweisschilder und rannte dann zum Video-Bereich, wo wir Probleme hatten, den angekündigten Dokumentarfilm zum Laufen zu bringen. Als diese behoben waren, musste das Format eines andren Filmes umgewandelt werden. Währenddessen kamen wir im Gespräch vom 100sten aufs 1000ste und mir wurde mal wieder bewusst, wie absurd Klischees (in diesem Fall „fortschrittliches“ Deutschland versus „langsameres“ Portugal) manchmal sein können. IMG_20141018_162917 Mein Gesprächspartner, der noch unter dem diktatorischen Regime Salazars aufgewachsen ist, war total entsetzt und nannte es „mittelalterlich“, als ich erzählte, dass in Deutschland der Staat für die beiden großen christlichen Kirchen die Abgaben direkt als Lohnabzüge von den entsprechenden Mitgliedern einsammle.

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Dann brauchte die Küche Hilfe bei der Essensausgabe. Wir waren gerade fertig und ich aß selbst etwas, als jemensch angerannt kam, der nächste Film müsse eingeschaltet werden, aber der entsprechende USB-Stick sei verschwunden. Hektisch machten sich alle auf die Suche, bis wir die Person gefunden hatten, die ihn sicherheitshalber eingesteckt hatte.IMG_20141018_162810 Als der Film lief, hatte einen Stock tiefer bereits ein Workshop angefangen, der mich sehr interessierte. Eine Person, die an ihrem Stand auch selbst hergestellte Pflegeprodukte verkaufte [2], führte vor wie wir selbst eine Zahnpasta und einen Balsam machen können. Allerdings merkte ich nach einer Weile, dass ich nicht folgen konnte. Zum einen, weil der Workshop doch zum größeren Teil auf portugiesisch stattfand [3] und zum anderen weil sich langsam bemerkbar machte, dass ich in der Nacht vorher nicht allzu viel geschlafen hatte [4]. Ich sah mich noch um, ob ich mich irgendwo nützlich machen könne, und legte mich schließlich in einer ruhigen Ecke, in der wir Privatsachen und Material aufbewahrten, etwas hin und döste.IMG_20141018_163537 Ich fühlte mich sehr erschöft, war aber gleichzeitig sehr glücklich, weil ich merkte, wie wohl ich mich in der Gemeinschaft der Assembleia pela Soberania Alimentar fühlte und wie sehr ich die anderen jeweils mochte. Später half ich bei der Vorbereitung des Abendessen, was Spaß machte, aber mich etwas überforderte, als im Laufe des Abends ziemlich gleichzeitig und relativ unabhängig voneinander meine Besucherin, sowie zwei Freundinnen aus der Uni beim Fest eintrafen. Toll war, dass eine Freundin dann länger in der Küche mithalf. IMG_20141018_163614
Nach einem sehr schönen Abend, fing der Abbau an. Irgendwann waren nur noch die letzten Dinge zusammenzusuchen, es wurde mit den Inhabern des Hauses auf den gelungenen Abend angestoßen. Dann saßen wir gegen Mitternacht im Eingang und warteten auf ein Auto, das die letzten Dinge einladen sollte.

Eigentlich wollte ich danach heimgehen, schließlich brauchte ich wirklich Schlaf. Stattdessen folgte ich aber den anderen durch einen „geheimen“ Hinterausgang und lief durch die Straßen der Altstadt. Eine Weinflasche wanderte hin und her, unterwegs gingen Leute verloren, ich fragte mich mal wieder, ob ich nicht eigentlich zu alt für solche nächtlichen Ausflüge sei und ärgerte mich über die steilen Treppen der Stadt. Am Haus eines der anderen machten wir Halt um Sachen abzustellen. Ich war überwältigt von dem Garten, in dem neben Tomaten, einem Organgenbaum und Kräutern, auch eine Palme wuchs – und der einen atemberaubenden Blick über die Stadt bot. Es ging weiter, wieder hielten wir an, blickten auf die Stadt, unterhielten uns über Gentrifizierung und eine dritte Person ging verloren. Aber eigentlich waren wir schon am Ziel und vor einer kleinen Kneipe trafen wir alle wieder, und noch viele andere, die sich an dem Tag auch eingebracht hatten. Eine Freundin sagte, ich solle reingehen und mir ein Bier holen. „I don’t like beer.“, sage ich. Dann solle ich mir irgendwas anderes holen, aber jedenfalls reingehen und mir etwas zu trinken holen. Die Kneipe war ein baufälliges kleines Haus, die Decke zum nächsten Stock war unsauber durchgebrochen – von dort oben führte eine Treppe sichtbar weiter nach oben, aber es gab keine Möglichkeit diese Treppe zu erreichen. Das ganze war so eingerichtet, dass ich mich wie in einem sehr abgedrehten Museem fühlte – nur ohne Absperrbänder und Verbote. Weiter hinten wurde in einem Verschlag günstiges Essen verkauft. Irgendwo dazwischen war die Bar, wo Wein in Marmeladengläsern ausgeschenkt wurde. Es war offensichtlich billiger Wein aus großen Plastikbeuteln – aber das vermochte den Abend nicht zu trüben.

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  • [1] Der Name ist übrigens ein Wortspiel. Den in direkter Übersetzung heißt em pratos limpos einfach „auf sauberen Tellern“, was auf das Thema Ernährung anspielt. Allerdings gibt es auch die Redewendung pôr em pratos limpos, was soviel wie „reinen Tisch machen“ bedeutet.
  • [2] Bereits vor einigen Wochen hatte an einem Alternativmarkt ein Deo von ihr gekauft. Obwohl es mit 5 Euro pro Glas nicht ganz günstig war, konnte ich angesichts der Tatsache, dass es Lavendel enthält, nicht widerstehen. Und inzwischen muss ich auch sagen, dass es zwar in der Handhabung etwas unpraktischer ist, als ein einfaches Spray, aber besser wirkt, als jedes andere Deo, das ich je hatte.
  • [3] Da es auch 15 angekündigte Gäste aus England gab, sollte es eigentlich auf dem ganzen Fest Dolmetscher geben, oder einiges sogar in englischer Sprache stattfinden. Allerdings sprachen viele der Engländer_innen viel besser portugiesisch, als zum Beispiel ich, so dass nicht alles durchgängig auf Englisch erklärt wurde.
  • [4] Ich war am Vorabend nochmal an der Uni gewesen, um eMails zu beantworten und ähnliches. Dabei hatte ich die Zeit vergessen und dann nachts um halb Drei per Google-App auf dem Telefon festgestellt, dass keine Busse mehr nach Alĉantara fuhren. Das Telefon schlug vor zu laufen und die angegebene Wegzeit von einer Stunde erschien mir im Verhältnis zu einer Wartezeit von mehreren Stunden sehr moderat. Allerdings musste ich unterwegs feststellen, dass die App mich entlang einer Schnellstraße ohne Fußweg führen wollte. So versuchte ich selbst einen Weg durch die Wohnviertel südlich der angegebenen Route zu finden, verlief mich mehrmals zwischenzeitlich, lag aber dann gegen fünf Uhr doch zuhause in meinem Bett. Da ich aber zugesagt hatte, morgens beim Festaufbau da zu sein, klingelte der Wecker dann wieder um 20 nach sieben…
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