Zwischen TTIP und Party

Neuerdings verschlägt es mich ständig nach Alfama, jenes touristisch überlaufene Altstadtviertel, in dem auch der „Faira da Ladra“ stattfindet. Das liegt vor allem daran, dass dort die Räumlichkeiten von GAIA, einer Initiative, die unter anderem zu ökologischen Themen arbeitet, sind. Die Gruppen, die sich dort treffen, kann ich nicht auseinanderhalten, aber mit gefällt inhaltlich und persönlich, was ich dort antreffe.

[Das ist vielleicht nicht besonders überraschend. Denn schon 2009 wollte ich eigentlich EVS (Europäischen Freiwilligendienst) bei GAIA machen, was aber letztlich an formalen Hürden gescheitert ist – umso schöner, dass ich jetzt die Gelegenheit habe, die örtlichen Intiativen kennenzulernen und mitzuwirken.]

Am Dienstag gab es ein Treffen um ein Fest zum Thema Nahrungsmittelsouveränität zu planen. Mit einer (lückenhaften) „Synchronübersetzung“ ins Englische konnte ich der Diskussion um Inhalte, Gestaltung und Namen des Festes sogar halbwegs folgen. Zum Beispiel ging es darum, welche Lebensmittelerzeuger eingeladen werden sollen sich zu beteiligen. Zentral dabei war auch die Frage, was Nahrungsmittelsouveränität eigentlich bedeutet. Ist beispielsweise zentral, dass alle Lebensmittel biologisch hergestellt sind – oder ist die Aneignung von Fähigkeiten um Dinge selbst herzustellen viel wichtiger? Und wie eng ist der Anspruch auf regionale Produktion zu sehen? So stand die Frage im Raum, ob es auf dem Fest auch Lebensmittel geben soll, die nicht aus Portugal kommen. Nächsten Dienstag geht die Diskussion weiter – ich bin gespannt darauf. Und darauf, wie das Fest letztendlich wird.

Gestern war ich dann schon wieder dort – bei einer VoKü, die gleichzeitig eine Infoveranstaltung gegen TTIP, das geplante Freihandelsabkommen zwischen Europa und USA war. VoKüs heißt hier „jantares populares“ und sind zwar vegetarisch – allerdings nicht immer vegan, bei GAIA jedoch schon.

Es wurden kurze englischsprachige Filme zum Thema gezeigt, die aus Deutschland kamen, wo es bisher wohl auch die meisten Proteste gegen das Abkommen gab. Es war mir geradezu peinlich, genau aus diesem Land zu kommen und mich trotzdem bisher nicht eingehender mit dem Thema auseinandergesetzt zu haben. Der eigentliche Vortrag wurde mir dann wieder von einem netten Menschen übersetzt – was offenbar garnicht so einfach war, da der Redner recht schnell sprach und zudem, wie später andere sagten, auch einige selbst für portugiesische Muttersprachler_innen eher schwierige Begriffe verwendete. Obwohl das Abkommen hinter geschlossen Türen verhandelt wird, ist klar, dass es die „Rechte“ und Möglichkeiten von Individuen massiv einschränken würde, während die Macht der transnationalen Konzerne noch weiter zunähme. Im Portugal gab es bislang relativ wenige Aktivitäten gegen TTIP, demnächst ist aber eine „Concentração“ auf dem Rossio (großer zentraler Platz) geplant. Das Wort war mir zunächst unklar. „Yes, it’s a demonstration.“, sagte einer. Später berichtigte eine andere, nein es sei keine Demonstration, denn es wäre nur an einem Platz, ohne zu laufen. Nachdem ich also erfahren habe, dass es eine Versammlung geben wird, das Geschirr gespült war und ich müde nach Hause aufbrechen wollte, wurde ich stattdessen von einer Bekannten zu einem anderem alternativen Zentrum geschleppt.

Wir liefen also von etwa zwei Kilometer durch die Stadt, da irgendeine mir unbekannte Person in der RDA69 (R. Regueirão dos Anjos nº69) ihren Geburtstag feierte. Scherzhaft begrüßte mich einer, der mich gleich als deutschsprachig identifizierte, in der DDR69 – denn die DDR hieß in Portugal „República Democrática Alemã“, also RDA. Ich wurde zahlreichen Leuten vorgestellt, es gab Wangenküsschen, evtl. ein par Worte und dann wieder zu den nächsten – bis wir dann selbst saßen. Irgendwann nach Eins herrschte dann Aufbruchsstimmung. Eine Gruppe rund um das Geburtstagskind wollte noch in die Disco. Da diese sich am Cais de Sodre, also ganz grob in meiner Richtung lag und ich wusste, dass es dort Nachtbusse gab, lief ich also mit allen durch die Stadt, was sehr unterhaltsam war – beispielweise hatte eine der anderem bis vor kurzem „Visual Anthropology“ an der Universidade NOVA studiert und ihre Dokterarbeit, die aus einem Filmprojekt und einer schriftlichen Arbeit bestand, über den Zusammenhang zwischen Tourismus und Gentrification in Alfama geschrieben.

Irgenwann nach halb Drei kamen wir dann an der Disco an. Ich verabschiedete mich, da es mir langsam zu spät wurde. Allerdings stellte ich dann an der Bushaltestelle fest, dass ich etwa eine dreiviertel Stunde auf den nächsten Nachtbus warten müsste, der dann noch eine halbe Stunde bräuchte – also entschied ich mich kurzerhand die guten drei Kilometer auch noch zu laufen und kam eine Weile später mit schmerzenden Fußsohlen zu Hause an.

Morgen möchte ich eigentlich eine Art „Subversive Buchmesse“ besuchen, die dieses Wochenende stattfindet: http://mostradedicoesubversivas.wordpress.com/
Allerdings bin ich um 14 Uhr zunächst mit einigen Leuten aus dem Portugiesischkurs verabredet. Wir wollen uns die „Galerias Romanas“ ansehen: römische Katakomben unterhalb des Baixa-Viertels, also dem Teil der Altstadt der nach dem Erdbeben von 1755 mit einem absolut rechtwinkligen Straßennetz neu entworfen wurde. Diese sind nämlich speziell an diesem Wochenende kostenfrei zu besichtigen. Allerdings soll die Warteschlange davor auch recht lang sein…

Mal sehen, wann ich dazu komme, etwas mehr für die Uni zu lernen 😉

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