Regentag

Die letzte Woche hatte es noch ganz schön in sich. Donnerstagfrüh ging ich ersteinmal in Alcântara (meinem Wohnviertel) zu einem Büro der Verkehrsbetriebe, um eine Monatskarte zu beantragen. Was die alles wissen wollen: Personalausweisnummer, Gültigkeit, ausstellende Behörde, Steuernummer, … Da keiner der dort Angestellten englisch sprach, hatte ich sehr mit dem Formular zu kämpfen und war dann umso glücklicher über die Hilfe einer älteren Dame, die dort ebenfalls wartete. Immerhin gab es gegen Gebühr eine Eiloption, so dass ich die Karte schon am nächsten Tag, statt in 10 Tagen abholen konnte.

Gleich am Donnerstag Nachmittag war die nächste Willkommensveranstaltung an der Uni angesetzt. Lissabons Erasmusorganisationen stellten sich vor: erasmuslisboa, Erasmus Life Lisboa und Lissabons Sektion des Erasmus Student Network hatten je einen Infostand in der Eingangshalle aufgebaut und präsentierten dann in einer etwa einstündigen Veranstaltung die Besonderheiten ihrer jeweiligen Organisation. Letztendlich lief es jedoch darauf hinaus, dass sie versuchten ihre jeweiligen Mitgliedskarten zu verkaufen, die Rabatte für Ausflüge, Partys und in diversen Bars Lissabons versprachen. Eine der Oganisationen warb damit, jedes Wochenende einen Ausflug anzubieten und jeden Abend in jeder Woche eine Party. Bei den anderen klang es nicht viel anders. Die Veranstaltung war geprägt von einer Art Entertaining, die auf schlechten Witzen basierte. Am sympatischsten kam noch das Erasmus Student Network rüber, die u.a. auch soziale Aktivitäten, wie z.B. Baumpflanzaktionen oder gemeinsames Aushelfen in einer Suppenküche im Programm haben.
Alle Organisationen warben auch damit, bei Wohnungssuche und anderen Fragen helfen zu können. Als ich allerdings nachfragte, ob sie mir sagen könnten, in wieweit der Wechsel in eine portugiesische Krankenkasse (und in welche) für mich sinnvoll sein könnte, konnte mir keine der Organisationen wirklich weiterhelfen. Ähnlich schlecht sah es bei meiner Frage nach Nebenjobs aus. Eine der Organisationen hat angeblich eine entsprechende Rubrik auf ihrer Seite – diese sei aber leider gerade nicht aktiv, da die Seite gerade umzöge.
Das beste an der Veranstaltung war, dass alle Organisationen sog. Welcome-Kits verteilten, die neben jeder Menge Werbung auch ein par nützliche Dinge wie kostenfreie SIM-Karten, Stadtpläne, Kugelschreiber, etc. enthielten.

Am selben Tag wollte ich mich auch für den portugiesischen Sprachkurs an der Uni anmelden. Garnicht so einfach, wie gedacht. Den Folgetag eingeschlossen, wartete ich dreimal etwa eine Stunde vor dem entsprechenden Büro. Ahja, stimmt – alle anderen Ersamusstudierenden mussten sich ja ebenfalls anmelden… Immerhin konnte ich noch am Donnertag einen zweiseitigen Ankreuz-Test zur Einstufung machen. Obwohl ich fast alles falsch angekreuzt hatte, wurde mir vorgeschlagen den A2-Kurs zu besuchen. Sollte mir dieser dann doch zu schwierig sein, könne ich dann immer noch innerhalb von zwei Wochen in einen A1-Kurs wechseln. Wieder musste ich ein Formular ausfüllen. Wieder mit Personalausweisnummer und weiteren Daten, die eigentlich unnötig sein sollte, da die Uni mir doch bereits am Mittwoch eine praktische „Student-Number“ zugeteilt hatte. Ich darf zwischen drei noch freien Kursterminen wählen. Also erstmal Stundenplan erstellen und Freitags wiederkommen.

Einen Teil meiner Kurse hatte ich schon vor Monaten für das sog. „Lerningagreement“ ausgewählt. Allerdings hatte ich vom GEIM-office den Hinweis erhalten, dass es auch einen Kurs zu indischer Geschichte gäbe, der zwar auf portugiesisch sei, den ich aber evtl. trotzdem besuchen könne. Also schrieb ich der Dozentin eine eMail, dass ich nur sehr wenig Portugiesisch spräche, aber großes Interesse an dem Kurs hätte, und ob ich trotzdem teilnehmen könnte und hatte noch am Wochenende folgende Antwort:

„Of course you may attend to the „História da Índia“ course. The lessons will be taught in Portugueses, but most of the bibliography is written in English and Erasmus students can write their texts (tests or essays) in English.“

Also werde ich diesen Kurs besuchen, obwohl er in den Fachbereich „História“ (Geschichte) und nicht „Antropologia“ (also Ethnologie) fällt. Und sollte ich wenig verstehen oder den Kurs nicht bestehen, wäre es immernoch eine gute Herausforderung, um schneller Portugiesisch zu lernen.

Auch von den englischsprachigen Kursen fällt nur einer in das Gebiet der Anthropologie. Darüber hinaus interessieren mich zwei Kurse, die vom sog. „Research Center“ angeboten werden. Schnell nochmal zum GEIM-office, um die speziell für dies Kuse notwendige Voranmeldung vorzunehmen. Irgendwann werde ich dann Bescheid bekommen, ob ich die Kurse besuchen darf und wann diese stattfinden – dann ist wiederum zu sehen, ob das dann mit meinem übrigen Stundenplan passt. Ansonsten stand dieser jetzt und ich konnte mich endgültig für den Sprachkurs anmelden.

Dann zur Zahlstelle, denn für die Registrierung hier an der Uni muss ich eine Quittung haben, die belegt, dass ich die „admistrativen Gebühren“ in Höhe von etwa 35 Euro bezahlt habe. Bei der Gelegenheit besorgte ich mir gleich eine Kopierkarte. 100 Kopien kosten 5 Euro. Das ist zwar etwas teurer als in Mainz, wo die Kopie nur 3 Cent kostet, aber doch immer noch eher günstig. Also ich schließlich am Freitagnachmittag nach Hause kam, fiel ich erstmal müde in’s Bett. Dann aber Weckerklingeln, ein gehetztes Gespräch mit meiner Vermieterin und schnell los – gerade noch rechtzeitig vor Dienstschluss erreichte ich die Verkehrsbetriebe. Jetzt kann ich für etwa 35 Euro im Monat fast das ganze Verkehrsnetz Lissabons nutzen. (Zum Vergleich: eine Einzelfahrt kostet je nach Verkaufsstelle 1,40 oder 1,80; das Tagesticket 6 Euro.)

Am Wochenende bin ich dann nur noch müde und schlafe lange. Allerdings hat meine Vermieterin Besuch von ihrer Tochter, ihrer Enkeltochter und dann noch einer Freundin. Es ist laut. Also gehe ich in die Stadt. Ich brauche sowieso Internet, das gibt es zuhause nicht. Ich laufe ein bisschen durch die Gegend, nehme einfach den nächsten Bus irgendwohin und steige irgendwo aus. Ich stelle fest, dass ich ca. 1-2 km südlich des Campus bin. Irgendwo noch einen Kaffee getrunken. Dann mal testen, ob der Campus offen hat. Ja, sieht so aus. Ich versuche portugiesisch zu reden, weil der Pförtner kein Englisch spricht. Ich darf rein und lasse mir gleich noch die Öffnungszeiten aufschreiben. Auch um nicht mal abends nach der Uni eingesperrt zu werden. Ich freue mich, dass ich immerhin sechs Tage die Woche die universitären Räumlichkeiten – und damit das kostenlose WiFi, ähh w-lan dort nutzen kann. Nur sonntags ist leider zu. Das Wetter ist schön, ich sitze draußen und lese eMails. Später gehe ich in die Altstadt und laufe noch etwas herum. Ebenso sonntags. Immer wieder verlaufe ich mich und die Suche nach der nächsten Bushaltestelle kann anstrengend sein in einer Metropole, die auch die „Stadt der sieben Hügel“ genannt wird. Langsam gewöhne ich mich daran, auch ohne Pullover rausgehen zu können, ohne dass mir je zu kalt wird – selbst abends nicht.

Dachte ich zumindest. Denn heute regnet es plötzlich in Strömen und kühlt dabei ganzschön ab. Dabei war der Himmel heute Morgen noch richtig klar. Obwohl ich den Wecker früh stellte, vertrödelte ich den Morgen und kam erst gegen 9 Uhr aus dem Haus. Ganzschön knapp, wenn der erste Kurs um 10 Uhr beginnt – zumal ich noch nicht gefrühstückt hatte. Glücklicherweise stellte ich, da ich notgedrungen auf die Uhr sah, fest, dass die reine Fahrtzeit des Busses nur etwa 15 Minuten beträgt. Also Zeit genug das Angebot eines kleinen Cafés in der Nähe der Uni zu nutzen, wo es Kaffee und Kuchen für nur 1,30 Euro gibt.

Dann aber wirklich in die Uni. Immerhin ist Semesterbeginn. Diesmal muss ich in „Torre A“, der nur etwa hab so groß ist, wie Turm B. Den Raum finde ich auch. Aber da ist gar niemensch. Bin ich zu spät? Nein, ist noch Zeit. Zaghaft klopfe ich an die Tür. Aber da drin ist Unterricht – vielleicht noch ein anderer Kurs. Vorsichtig mache ich die Tür wieder zu und warte. Eine andere Studentin kommt und klopft ebenfalls. Sie bekommt gesagt, unser Kurs würde erst nächste Woche beginnen. Wir warten und tauschen uns über unsere Stundenpläne aus. Da kommen wieder zwei, die das selbe gesagt bekommen. Jetzt warten wir zu viert und beschließen kurz darauf zu gehen. Die andere Studentin und ich wollen zum GEIM-office, um zu erfragen, ob diese Info stimmt und ob das dann für alle englischsprachigen Kurse gilt. Glücklicherweise hat es gerade Öffnungszeit. Unterwegs kommt ums eine andere Erasmusstudentin entgegen, die gerade die Treppe zum Kurs hochhetzt. Ich sage ihr, dass der Kurs ausfällt, und wir sind zu dritt unterwegs. Vor dem GEIM-office dann wie gewohnt Wartezeit. Endlich kommen wir dran und erfahren, dass alle englischsprachigen Kurse tatsächlich erst ab dem 22.09. beginnen. Ich nutze die Chance weitere Fragen zu stellen und will unter anderem wissen, ob wir tatsächlich auch schon jetzt die Kurse für das zweite Semester hier wählen müssen. Eine Kommilitonin hat dies kürzlich gesagt, aber ich kann es kaum glauben. Auch nicht, als dies im Büro bestätigt wird – wir sollten zumindest eine Vorauswahl treffen, da sie planen wollen. Eine Vorauswahl hört sich schon besser an. Denn wie soll ich jetzt schon wissen, wie meine Portugiesischkenntnisse in einem halben Jahr sein werden, ob ich das Erasmus dann nicht doch auf ein Semester verkürze oder welche weitere Faktoren es geben wird.

Nun haben wir also überraschend einige Stunden frei. Ich besorge mir erstmal etwas zu essen, wobei ich in den strömenden Regen gerate und letztendlich dann sogar etwas friere. Dann suche ich eine ruhige Ecke, um am Computer zu arbeiten. Das ist aber heute nicht so einfach. Überall sind Studierende die in eine Art Uniform gekleidet sind und teilweise ziemlichen Lärm machen. Manche haben Umhänge und sehen damit ein bisschen wie Juristen aus, obwohl an dieser Fakultät gar kein Jura unterrichtet wird. Die Röcke anderer erinnern eher an Stuardessen. Einige haben Jackets, die über und über mit Aufnähern und Abzeichen bestückt sind. Es wird so laut in der Eingangshalle gesungen, dass ich das Gefühl habe, mir platzen gleich die Ohren.

Dann ist 16 Uhr. Ich bin wieder in „Torre A“, um die erste Stunde des Portugiesischkurses zu besuchen. Der Dozent stellt sich als Sandro vor, und macht viele Witze, die ich allerdings nicht alle verstehe, denn der Kurs ist nahezu komplett auf Portugiesisch. Er legt uns ein Beispiel für eine Kurzvorstellung vor, dann sind wir dran. Name, Herkunft, Wohnort, Alter, Hobbys, etc. Das ganze dauert sehr lange und ich verstehe wieder fast nichts. Im Kurs sind überproportional viele Menschen aus Italien. Als ich dran bin, merke ich, dass ich vieles garnicht ausdrücken kann und es ärgert mich. Andererseits bin ich froh in diesem Kurs zu sein. Denn wenn ich tatsächlich Seminare in portugiesischer Sprache verstehen möchte, werde ich wohl noch einige sprachliche Hürden überwinden müssen.

Zum Ende gab es dann noch ein lustiges, wenn auch vielleicht etwas stereotypes Video, welches uns wohl die Bedeutung richtiger Aussprache klar machen sollte:

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