Der Alltag kommt

Bevor ich überhaupt so richtig angekommen bin und alle bürokratischen Hürden überwunden habe, wird mein Aufenthalt hier schon ein Stück weit zur Normalität. Sehe ich Palmen (Palmen!!!) auf einer Verkehrsinsel, fängt mein Herz kaum noch an zu hüpfen. Immerhin bin ich jedoch beim Gang durch Alĉantara immer noch ein Stück weit verzaubert und gucke auf manchen Wegen sehnsuchtsvoll aus dem Busfenster, während es im Eiltempo über teilweise holprige Straßen geht. So wie die Autos sind oft auch die Busse sehr aggressiv unterwegs, halten wenig Abstand und manchmal wundere ich mich, wieso manche Fußgänger_innen, an denen wir haarscharf vorbeigefahren sind, nicht verletzt auf der Straße liegen.
Auf dem Weg zu einer der nächstgelegenen Bushaltestellen überkommt mich immer wieder ein mulmiges Gefühl, wenn ich das Beerdigungsinstitut passiere, davor die Straße überqueren muss und die Autos an mir im Eiltempo vorbeiholpern – der Weg wäre ja nicht weit, denke ich jedes Mal mit einem mulmigen Grummeln.

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Umgekehrt scheint es üblich zu sein, an Fußgängerampeln nicht auf "Grün" zu warten. Wenn ich doch stehen bleibe, werde ich seltsam angesehen. Und komme mir selbst ein bisschen blöd vor: schließlich sind die Ampeln offenbar nicht optimal geschaltet, oft bei "Rot" keine Autos in Sicht und überhaupt die Wartezeiten sonst recht lang.

Auch an der Uni fängt so langsam der Betrieb an. Den Kurs "História da Índia" habe ich nun schon zweimal besucht – und kaum ein Wort verstanden. Wahrscheinlich werde ich inhaltlich nicht viel daraus mitnehmen können, aber meinem Portugiesisch kann es nicht schaden. Die Dozentin war so nett mir alle Formalitäten nochmal auf Englisch zu erklären. Dokumente, eine Literaturliste und grobe Zusammenfassungen der Sitzungen finden sich online in der sog. "MOODLE-Plattform", die dem "Reader" in Mainz entspricht. Die Note setzt sich zusammen aus mehreren Klausuren und einem siebenseitigen Essay, in dem Ashoka und Akbar, bzw. der jeweilige Einfluss auf das heutige Indien verglichen werden sollen. Zumindest das klingt erstmal sehr interessant.

In der zweiten Sitzung des Portugiesischkurses ging es um Aussprache, die an einzelnen Wörtern geübt wurde, so dass – zumindest ich – relativ wenige generelle Regeln mitgenommen habe. Am Ende der Sitzung kam dann ein Diktat! Bei mir stand schließlich eher ein Lückentext auf dem Papier, da ich nochnichtmal mit der Geschwindigkeit nur annähernd mitkam. Inzwischen haben wir dazu noch eine Tondatei per eMail erhalten, mit der wir zuhause Diktat üben sollen. Mal sehen, wie das alles noch wird.

Am Mittwoch waren wieder viele Studierende so seltsam gekleidet und machten Lärm. Auf der Freifläche zwischen den Gebäuden lief Musik und es wurde Bier ausgeschenkt. Einige hatten Farbe im Gesicht. Mir kam das ganze vor wie beim "Abischerz" in der Schule. Nur dass da Studienjahr ja gerade beginnt und nicht aufhört. Ich sprach dann schließlich eine Person mit so einem seltsamen Umhang an, ob das eine Bedeutung hätte und ob sie mir das erklären könnte. Sie sagte, das sei eine Art Ritual, bei dem die Studierenden der höheren Semester die "Neuen" scherzhaft "unterdrücken", um diese zu integrieren. Sie würden nicht wirklich etwas gemeines machen, sondern es handle sich um eine spaßige Angelegenheit, die helfe erste Bekanntschaften zu knüpfen. Jeder Fachbereich führe dieses Ritual separat durch, so dass die "Neuen" bei Studienbeginn schon Leute in ihren Kursen kennen.

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