Erfahrungsbericht

Von September 2014 bis Sommer bis Sommer 2015 konnte ich mit dem ERASMUS-Programm zwei Semester lang an der Universidade NOVA in Lissabon, genauer gesagt an der FCSH, also der sozial- und humanwissenschaftlichen Fakultät dieser Uni, studieren. Ethnologie heißt dort Antropologia. Meinem Eindruck nach sind die Fächer aber bis auf geringfügige Unterschiede sehr ähnlich.

Dafür dass es in Südeuropa liegt, ist Lissabon eigentlich eine erstaunlich triste Stadt. Ein paar Grad mehr als in Deutschland hat es zwar, aber der Einfluss des Atlantikklimas ist deutlich zu spüren. Von Oktober bis April gibt es viel Regen und das Wetter schlägt oft blitzartig um. Die Wohnungen in Lissabon sind meist nicht beheizbar, was bei etwa 10 Grad im Winter und feuchten Wänden sehr unkomfortabel sein kann. Es gibt kaum ausgebaute Radwege und die vegetarische oder gar vegane Küche hält nur sehr langsam Einzug in die einfachen Restaurants. Protestkundgebungen (wie z.B. gegen TTIP und ähnliches), die in Berlin mehrere tausend Demonstrant_innen anlocken, finden hier im überschaubaren Kreis von vielleicht etwa 100 Personen statt.

Viele Dinge können sich als schwierig entpuppen, wenn Zusagen mal wieder nicht so gemeint sind, wie sie klingen. Behördengänge erfordern einen vielfach höheren Zeitaufwand als in Deutschland. Die Seminare an der Uni in Portugal sind oft „verschulter“ als in Deutschland. Hochschulgruppen scheint es nicht zu geben – abgesehen von den Student-Unions, deren Tätigkeiten Gerüchten zufolge kaum die Organisation von Partys hinausgehen. Biolebensmittel sind auch weniger verbreitet. Statt „südländischer Fröhlichkeit“ ist der erste Eindruck doch eher die Saudade, die verzweifelte Sehnsucht und Trauer, für die die portugiesische Fadomusik so berühmt ist.

Wer hier ERASMUS macht, ist eine_r untere vielen Touris und Austauschstudierenden, die selbst zu der Gentrifizierung beitragen, die sie live beobachten. Die Gehälter in Lissabon liegen weit unter dem deutschen Niveau, aber die durch den „Ausverkauf“ der Stadt werden die Mieten in die Höhe getrieben.

Hinzu kommen die generellen Schwierigkeiten des Erasmus-Studiums: viel Papierkram in den ersten Wochen, Eingewöhnung in eine neue Umgebung, sprachliche Schwierigkeiten, eine anders organisierte Fakultät, der Wunsch/die Anforderung trotzdem wenigstens ein paar Leistungspunkte zu sammeln, der fehlende Freundeskreis, die verworrene Idee ein Erasmus-Aufenthalt wäre in etwa sowas wie ein Jahr Ferien, die Zielsetzung möglichst viel zu sehen und/oder zu erleben, immer wieder neue Fragezeichen, … Eine Freundin hat aus ähnlichen Gründen ihr Erasmus dort abgebrochen und ist schon vor Ablauf des ersten Semesters wieder nach Mainz zurückgekehrt.

Andererseits habe ich auch viele Menschen aus verschiedenen europäischen Ländern kennengelernt, die irgendwann einmal Erasmus in Lissabon gemacht haben und geblieben, bzw. wiedergekommen sind. Die Stadt hat sie nicht mehr losgelassen. Nach fast einem Jahr in dieser Stadt weiß ich warum …

Vorbereitung

Im Januar 2014 entschied ich mich sehr kurzfristig für Lissabon. Und bewarb mich sehr knapp vor der Deadline für das ERASMUS-Stipendium. Es gab noch freie Plätze für mehrere europäische Städte, die ohne große Hürden an motivierte Studierende vergeben wurden. Die zuständige Koordinatorin in der Ethnologie war sehr entgegenkommend und machte es mir leicht, die für das Programm und die Gastuniversität nötigen Dokumente zusammenstellen. Das war zuerst das Bewerbungsformular und später noch das sogenannte Learning-Agreement, in dem festgehalten wurde, welche Kurse ich in Lissabon voraussichtlich besuchen würde und welche Mainzer Kurse diese in meinem Studium ersetzen könnten.

Es war bereits im Vorfeld ersichtlich, dass an der Universidade NOVA viele Kurse auf englisch angeboten werden, von denen allerdings nur einer ein Anthropology-Kurs war. Diese sogenannten CIEE-Kurse sind speziell für sogenannte Overseas-Students aus den USA eingerichtet worden, werden aber üblicherweise sehr stark von ERASMUS-Studierenden besucht. Dieses Angebot scheint in jedem Studienjahr sehr ähnlich zu sein. Außerdem gibt es sehr interessante Kurse des Research-Centers, von denen viele ebenfalls in englischer Sprache sind. Darüber hinaus stehen ERASMUS-Studierenden sämtliche Kurse aller angebotenen Fachrichtungen aus dem regulären portugiesischsprachigen Programm der Universidade NOVA offen.

Da ich zum Zeitpunkt der Anmeldung keine portugiesischen Sprachkenntnisse hatte, besuchte ich im Sommersemester 2014 noch vor dem ERASMUS-Aufenthalt einen Anfänger-Portugiesischkurs im Romanischen Seminar der JGU, für den ich mich problemlos als Hörerin anmelden konnte.

Behördliche Schwierigkeiten gab es dank Freizügigkeits-Regel innerhalb der EU keine. Allerdings war ich etwas verwirrt, da mir niemensch sinnvoll auf die Frage antworten konnte, wie ich mich denn am besten nach Lissabon ummelden könne. Das lag auch daran, dass es in Portugal kein Melderecht, wie wir es kennen, gibt. Auch nachdem ich dies recherchiert hatte, war ich nach wie vor interessiert daran, mich in Portugal registrieren zu lassen, da ich mittlerweile auch erfahren hatte, dass dort alle Personen automatisch krankenversichert sind und ich somit für einige Monate aus der teuren deutschen Krankenversicherung hätte aussteigen können. Allerdings kann ich nur sagen, dass das dieser Versuch lange Wartezeiten auf den verschiedensten Ämtern mit sich brachte und letztlich erfolglos war. Zwar wurde mir bei der zuständigen Stelle in der Loja de Cidadão gesagt, ich sei als EU-Bürgerin berechtigt in die portugiesische Sozialversicherung aufgenommen zu werden. Allerdings gab ich irgendwann auf, als ich mehrere Monate, nachdem mir schon gesagt worden war, ich bekäme die Krankenversichertennummer per Post zugeschickt, wieder etliche Stunden in der Sozialversicherungsabteilung des Bürgeramts wartete, nur um zu erfahren, dass es gerade viele Verzögerungen gäbe und dass ich nächsten Monat wiederkommen solle. Da war ich allerdings schon viele Monate in Portugal …

Unterkunft

Mit den eintrudelnden ERASMUS-Dokumenten kam auch das Angebot mich auf einen Wohnheimplatz zu bewerben. Diese Möglichkeit nahm ich nicht wahr, da mir die Regeln der Wohnheime sehr restriktiv erschienen, ich außerdem gehört hatte, dass WG-Zimmer in Lissabon günstiger zu haben seien als diese Wohnheim und ich mir drittens von einer Suche auf dem „freien Wohnungsmarkt“ auch versprach mit „Land und Leuten“ in Berührung zu kommen.

Um nicht in letzter Minute ein Zimmer suchen zu müssen, fuhr ich im August schonmal für einige Tage nach Portugal. Ich trampte (wie auch später im September) dorthin, um ein Gefühl für die Entfernung zu haben. Beide Male machte ich interessante Bekanntschaften und brauchte jeweils etwa vier Tage für den Weg. Auf http://olx.pt/ fand ich viele Inserate. Die ersten Telefonate mit Vermieter_innen gestalteten sich sprachlich schwierig. Aber schließlich gelang es mir doch einige Zimmer anzusehen, und gleichzeitig meine Kriterien enger zu stecken. Die Entfernung zur Universität war für mich relevant, genauso wie die Wohnatmosphäre, die Mitbewohner_innen und die Bezahlbarkeit. Mehrfach wurde mir gesagt, dass im August das Angebot an Zimmern groß sei, weil den Sommer über die Stadt verlassen hätten, und im September alle zurück kämen.

Allerdings fand ich kaum Inserate von WGs. Vor allem wurden Zimmer direkt von Vermieter_innen angeboten wurden. Entweder direkt zur Untermiete bei diesen oder quasi mini-wohnheimmäßig an verschiedenste Leute, die sich oft kaum kannten. Mich erstaunte, dass offenbar auch Ehepaare in solchen von dem/der Vermieter_in organisierten Wohngemeinschaften lebten. Später fand ich heraus, dass in Portugal viele junge Menschen länger bei den Eltern lebten, als ich das von meinem Bekanntenkreis in Deutschland kenne. Wer nicht zum Studieren in eine andere Stadt geht, bleibt oft im Elternhaus wohnen. Oft spielen dabei auch finanzielle Gründe eine Rolle, aber mir erschienen auch die Bindungen in den Familien enger, als ich persönlich das gewohnt bin. In vielen der selbstorganisierten Wohngemeinschaften, die trotzdem existieren, werden die Zimmer oft unter der Hand vergeben und wenn nicht Freund_innen einziehen, dann Freund_innen von Freund_innen von Freund_innen.

Ich fand nach vier Tagen Suchen ein Zimmer in einem wunderschönen, winzigen Häuschen im Stadtteil Alcântara, bei einer 50-jährigen Frau, die gerade parallel zu ihrem Job anfing Soziologie zu studieren. Sie war sehr freundlich und ich konnte bereits nach der Zusage einen großen Teil meines Gepäcks bei ihr lassen. Ich fand die Wohnatmosphäre dort sehr schön, aber später zog ich noch einmal um, um zentraler zu wohnen. In Anjos geriet ich an eine ziemliche Bruchbude und zog schließlich nach Graça, in die Wohnung einer Freundin einer Freundin. Dort gab neben Hund und Katze auch einen Garten mit Zitronenbäumen und der Feira da Ladra, ein berühmter Flohmarkt, war in Laufnähe.

Studium

Am 10. September 2014 fand die Einführungsveranstaltung für ERASMUS-Studierende statt. Aufgrund meiner abenteuerlichen Anreise, erreichte ich die Stadt gerade so am Vorabend. Gut, dass ich den Weg zur Uni im August schon mal erkundet hatte. Wir wurden sehr nett auf dem sehr kleinen Campus begrüßt – aber auch über eine Fülle von zu erledigenden Dingen informiert. Auf dem Programm standen unter anderem die formale Anmeldung, die Einstufung und Anmeldung für die Sprachkurse, die endgültige Auswahl der anderen Kurse, das Besorgen einer Monatskarte bei den Verkehrsbetrieben, das Aufsuchen der für das Fach zuständigen ERASMUS-Koordinatorin vor Ort, das Ausfüllen einer statistischen Erhebung am Computer, die Bestellung eines Studierendenausweises und dessen spätere Abholung bei einem am Campus ansässigen Geldinstitut.

Generell waren wir mit den meisten Fragen im GEIM (Gabinete para o Estudante Internacional e Mobilidade), also dem zuständigen ERASMUS-Büro, gut beraten. Allerdings mussten dort auch viele Formalitäten geklärt werden, weshalb es in den ersten Semesterwochen zu ziemlich langen Wartezeiten an dessen Tür kam. Ich fühlte mich im Informationswirrwarr etwas verloren. Dazu fehlte auch die grundsätzliche Orientierung: ich brauchte eine ganze Weile, bis ich verstand, wo und wie ich Drucken, Kopieren und Scannen konnte; wie ich das Frühstück in der Mensa bestellen konnte; wie die Nummern der im Copy-Center von den Dozenten hinterlegten Dokumente herausfand; wie MOODLE, die dortige Version des online-Readers funktionierte; dass die Seminare tatsächlich kurz nach der vollen Stunde anfingen und nicht etwa eine Viertelstunde später; wie die Ausleihe in der Bibliothek funktionierte; … Aber mit der Zeit wurden Alltag und Studium verständlicher, überschaubarer und gewohnter.

Von Ethno-Institut in Mainz gab es keine Vorgabe der zu erreichenden Leistungspunkte. Somit galt für mich nur die ERASMUS-Vorgabe mindestens 15 ECTS pro Semester zu erreichen. Neben den portugiesischen Sprachkursen mit je 4 ECTS, hatten alle Kurse an der FCSH, die für Bachelor-Studierende zugänglich waren 6 ECTS und 4 Semester-Wochenstunden. Allerdings setzte sich die Benotung in den Kursen immer aus mehreren Einzelnoten zusammen. So gab es zum Beispiel häufig ein Midterm-Exam und eine Final-Exam. Oder es wurde neben der Klausur noch eine Hausarbeit oder ein Essay verlangt. Oft kamen als dritte Note noch eine mündliche Präsentation hinzu. Auch die Mitarbeit in den Seminaren konnte in die Note einfließen. Dementsprechend scheinen mir die angesetzten Leistungspunkte durchaus verhältnismäßig.

Ich besuchte drei Kurse aus dem CIEE-Programm. Den Ethnologie-Kurs „Colonialism and Post-Colonialism“, den Literaturkurs „Portuguese and Brazilian Literature“ und den Soziologie-Kurs „Migrations and Globalisation“. Erster war ziemlich fordernd, während der Literatur-Kurs zwar sehr interessant, aber leicht zu meistern war. An dem ethnologischem (bzw. anthropologischem) Kurs hat mir besonders gefallen, dass der Dozent uns ermunterte in die Hausarbeit Interviews oder ähnliches einzubauen und uns so ermunterte experimentierfreudig zu sein. Der Soziologie-Kurs bestand aus einer spannenden Mischung aus Migrationsthemen und gesellschaftlich-philosophischen Fragen, beispielsweise zu Globalisierung, Kapitalismus oder dem Einfluss von Diskursen. Im Research-Center besuchte ich nur den KursCounting Colonial Populations“. Das war ein historischer Kurs, bei dem es darum ging alte Zensusdaten aus der portugiesischen Kolonialzeit auszuwerten. Dabei fand ich es vor allem faszinierend, eine Arbeitsweise zu erleben, die sehr stark von der ethnologischen Perspektive abweicht. Als weiteres historisches Seminar belegte ich „História da Índia“ aus dem portugiesischsprachigen Standardangebot. Dieses gab tatsächlich einen interessanten und gut zusammengefassten Überblick über die indische Geschichte, diente mir aber vor allem dazu mein Hörverständnis zu testen, da mein Portugiesisch noch nicht sehr weit fortgeschritten war. Dementsprechend ließ ich den Kurs kurz vor der Klausur und dem Abgabetermin der Hausarbeit im GEIM-office annullieren. Das war mit einer einzigen Unterschrift problemlos möglich und verursachte auch später keine Probleme. Im zweiten Semester suchte ich mir aus dem portugiesischsprachigen Angebot „Método Etnográfico“ und ein „Atelier de Jornalismo“ aus. „Método Etnográficomachte sehr viel Spaß, da der Kurs quasi eine selbstgewählte ethnografische Übung (wahlweise: observação directa / entrevista etnográfica / história de vida) begleitete, über die wir dann ein Referat hielten und letztendlich auch unsere Hausarbeit schrieben. Beides durfte ich, wie auch die dazugehörige Klausur, auf englisch schreiben bzw. vortragen. Generell hatte ich den Eindruck, dass Lehrende es grundsätzlich ERASMUS-Studierenden ermöglichten, schriftliche Arbeiten und Prüfungen auf Englisch, Spanisch oder sogar in anderen Sprachen zu Papier zu bringen. Auch im Atelier de Jornalismodurfte ich die Artikel, die wir schreiben sollten, auf Englisch verfassen.

Vieles was ich an der Uni in Lissabon gelernt habe, passt nicht direkt zu meinem Studienfach. Allerdings hatte ich mich auch gezielt dafür entschieden, die Möglichkeit zu nutzen, mal über den Tellerrand schnuppern zu können. Gleichzeitig wurde ich auch ermuntert mehr auszuprobieren und nicht darauf zu warten, dass irgendwann im Master vielleicht die methodische, praktische Arbeit tiefgehender behandelt wird. Schade fand ich, dass es in Lissabon keine Möglichkeit gab Kurse für mein Beifach Indologie zu belegen. Allerdings haben mir Lehrenden dort mehr als in Deutschland Möglichkeiten gegeben, mir Themen auszusuchen, bei denen ich mich mit Südasien beschäftigen könnte. Somit wird mein Studium durch das ERASMUS zwar zwei Semester länger dauern, hat aber um so mehr Bereicherung erfahren.

Alltag / Freizeit

Gleich am zweiten Tag in Lissabon fand in der Uni eine Veranstaltung statt, bei der verschiedene ERASMUS-Organisationen sich vorstellten: ErasmusLisboa, Erasmus Life Lisboa und Lissabons Sektion des Erasmus Student Network. Letztlich warben alle mit Partys und mit Ausflügen in andere Teile Portugals. Ich fand diese Angebote nicht interessant.

Allerdings hatte ich auch das Glück schon lose Kontakte in Lissabon zu haben, da ich bereits vor einigen Jahren einen europäischen Freiwillendienst in Lissabon machen wollte, was damals aus formalen Gründen nicht geklappt hatte. Der Kontakt zu der Umweltorganisation, zu der ich damals wollte, hat mir die Ankunft hier sehr erleichtert und erste Bekanntschaften ermöglicht – aus denen inzwischen richtige Freundschaften geworden sind. Sehr schnell gab es Leute die mir bei allen allen möglichen Fragen zur Seite standen und immer wieder ihr soziales Netzwerk aktivieren, denn viele Dinge wurden über Bekanntschaften organisiert. Vor allem veranstalteten wir aber zusammen Diskussionen und Filmabende, kochten und gingen abends feiern. Ironischerweise erlebte ich gerade diese Stadt der Saudade so voller Wein und Fröhlichkeit, wie noch keinen anderen Ort.

Die wichtigsten Dinge habe ich hier aber außerhalb der Universität gelernt: Bier zu brauen, den Lüfter meines Laptops zu reinigen, ein Fahrrad aus Einzelteilen zusammenzuschrauben, Revolutionsnelken aus Servietten zu falten, sprachliche Barrieren zu meistern, … Aber vor allem das Leben zu genießen und die Dinge einfach mal sein zu lassen.

Statt mich wie gewohnt daran zu klammern, dass alles genau wie geplant klappen muss, lerne ich von einer Freundin: „You know, plans always change.“ Das Leben war im Fluss. Spontan ergaben sich die schönsten Erfahrungen. Selbst an der Uni nahmen es die Dozent_innen nicht so genau, wenn schriftliche Arbeiten Stunden, Tage oder sogar Wochen zu spät abgeliefert wurden. Und wenn ich vierzig Minuten nach der vereinbarten Zeit zu einem Treffen mit Freund_innen hetzte und mich vor Ort frage, ob ich sie schon verpasst hätte, sah ich kurz darauf die ersten ankommen, die mich dann lachend umarmten. Unterwegs war immer noch Zeit irgendwo einzukehren, für ein wichtiges Gespräch, um die Wohnung von Bekannten zu sehen, einen Umweg zu laufen. Dieser Vorrang der Geselligkeit erstaunte mich, und ich traf Menschen, die kaum Geld für die Miete hatten, aber immer welches für ein Glas Wein oder einen Kaffee mit Freund_innen erübrigen konnten.

Fazit

Ob ein Aufenthalt in Lissabon dem Karriereweg zuträglich ist, vermag ich nicht zu sagen. Wer sich aber darauf einlässt, kann jeden Tag neu verzaubert werden: von einem Zitronenbaum im Garten, von einem Blick über die Stadt bei Sonnenuntergang, von einem klaren Januarhimmel, von schönen Graffitis an den Wänden, von einem Schluck Wein aus Marmeladengläsern, von einem Revolutionstag, von den bunten Häuschen in den bairros clandestinos am Stadtrand, von der total durchgedrehten Stadt während der Santos Populares, von den großen Träumen engagierter Menschen, von Freund_innen, die dich um drei Uhr Nacht noch in die nächste Kneipe schleppen.

You will come back. That we allready know.“, sagten mir mehrere Freund_innen beim Abschied.

Viel Spaß in Lissabon 🙂

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Erasmus in Lisboa.